Auf der Suche nach der richtigen Strategie

30. September 2016

Auf dem Investitionsforum in Sotschi wurden unterschiedliche Wachstumsmodelle diskutiert/ Starke deutsche Präsenz

Ende September fand das diesjährige Investitionsforum in Sotschi statt, das vom russischen Ministerpräsidenten Dmitrij Medwedjew eröffnet wurde. Fast alle Round tables und Diskussionen drehten sich dabei um Strategien zur Überwindung der Rezession in Russland. Die deutsche Wirtschaft - vertreten durch Ost-Ausschuss und Deutsch-Russische Auslandshandelskammer - beteiligte sich vor allem an der Diskussion zum Thema Importsubstitution und Lokalisierung. Ein Bericht von Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Michael Harms.

Im Gegensatz zum St. Petersburg International Economic Forum (SPIEF) im Juni, auf dem stets der russische Präsident auftritt, ist das Investitionsforum in Sotschi im September immer dem russischen Ministerpräsidenten vorbehalten. Auch Wladimir Putin trat in seinen heute schon fast wieder vergessenen Jahren als Ministerpräsident immer in Sotschi auf. So nun auch Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew, der das Forum eröffnete, dessen Rede aber inhaltlich blass blieb und sich vor allem auf einen neuen Ansatz der staatlichen Administration in Russland konzentrierte: Man müsse und wolle zukünftig von einem eher dirigistischen System von Aufträgen (poruchenia) zu einem System des Projektmanagements kommen, bei dem das zu erreichende Resultat Ziel und gleichzeitig Erfolgskriterium sei. Diese Strategie wird nicht einfach umzusetzen sein, ist doch die russische Verwaltung analog dem Militär an eine „Befehlstaktik“ im Unterschied zur flexibleren westeuropäischen „Auftragstaktik“ gewöhnt. So blieb von Medwedjews Rede vor allem die Überlegung im Gedächtnis, den Zeitpunkt des Forums in die Ski-Saison zu verlegen, was die Anwesenden mit lautem Applaus unterstützten.

Um Strategien, vor allem zur Überwindung der Rezession in Russland, ging es auch in fast allen Round tables und Diskussionen auf dem Forum. Zwei gegensätzliche Denkschulen präsentierten dazu ihre Konzepte: die staatsinterventionistisch-keynesianische Schule um Boris Titow, dem Ombudsman für das Unternehmertum und Vorsitzenden der „Wachstumspartei“ auf der einen und Alexei Kudrin, ehemaliger Finanzminister und heute Arbeitsgruppenvorsitzender des Wirtschaftsrates beim Präsidenten, auf der anderen Seite. In der Analyse waren sich beide einig: Von der „schlimmsten Krise“ der postsowjetischen Zeit sprach Titow. Die Krise dauere jetzt schon sehr lange, und es sei keine Besserung in Sicht. Vor allem der russische Mittelstand leide massiv. Auch Kudrin sprach davon, dass sich zwar in der Momentaufnahme die russische Wirtschaft relativ robust und anpassungsfähig gezeigt habe, es aber kaum Aussichten auf Wachstum gebe.

Abenomics auf Russisch…

Um die russische Wirtschaft zu kurieren und neue Wachstumsimpulse zu setzen, müssten der Staat und die Zentralbank vor allem den Leitzins heruntersetzen, um billige, langfristige Kredite für die Unternehmen zu gewährleisten, erklärte Titow sein Rezept. Er plädierte für ein Anwerfen der Notenpresse – dies könne sich Russland auf Grund der niedrigen Verschuldung, des geringen Defizits und der hohen Reserven leisten - und eine aktive staatliche Infrastruktur-und Industriepolitik: Abenomics auf Russisch. Kudrin und Pjotr Awen von der Alfa-Bank widersprachen entschieden: Eine Senkung des Leitzinses und ein Fluten der Wirtschaft mit billigem Geld würde nur zu höherer Inflation und zu massiven Fehlallokationen führen. Grund für die Investitionszurückhaltung der russischen Unternehmen seien die Unsicherheit über die zukünftige Geschäftsentwicklung, eine zu große Rolle des Staates in der Wirtschaft und schlechte Rahmenbedingungen: Der Leitzins spiegele das alles objektiv wieder. Man darf gespannt sein, welchen Empfehlungen die russische Regierung in der nächsten Zeit folgen wird.

…und chinesisches Modell

Die deutsche Wirtschaft verfolgte vor allem die Diskussionen zum Thema Importsubstitution und Lokalisierung mit großem Interesse und beteiligte sich auch aktiv daran. Vertreter von Ost-Ausschuss und Deutsch-Russischer Auslandshandelskammer (AHK) engagierten sich in mehreren Paneldiskussionen. Nach meinem Eindruck hat die Zahl der Anhänger eines staatlich geförderten Protektionismus in Russland leider zugenommen. So betonten zwar die Vertreter der Exekutive (Industrieministerium) immer wieder die Gleichbehandlung in- und ausländischer Investoren und präsentierten auch die entsprechenden Instrumente, vor allem den Sonderinvestitionsvertrag, wie ihn das Unternehmen DMG Mori beim Forum unterschrieb. Vertreter russischer Unternehmen plädierten jedoch relativ offen für Marktzugangsbeschränkungen nach chinesischem Modell, denn der russische Markt sei attraktiv genug und ausländische Investoren würden dann viel eher lokalisieren.

Nimmt man die Präsenz der ausländischen Vertreter beim Forum als Kriterium einer erfolgreichem Performance auf dem russischen Markt, so liegt Deutschland unangefochten und weit vor allen anderen an der Spitze: Andere europäische Länder waren kaum präsent, Asien und Nordamerika fehlten völlig.

Michael Harms
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft