Albanien: Noch vieles zu entdecken

15. Juni 2009

Informationsreise des Ost-Ausschusses für mögliche Investoren im Tourismus-Sektor
Albanien, die unbekannte Republik an Adria und Ionischem Meer, bietet zahlreiche Investitionsmöglichkeiten, gerade auch im Tourismus-Sektor. Wer diese nutzen will, braucht den Blick fürs Unentdeckte - und oft auch einen guten Anwalt.

Urlaub und Albanien setzen in Deutschland wohl nur die wenigsten in einen direkten Zusammenhang. Viel eher sind es die Erinnerungen an die Flüchtlingswellen und die zum Teil anarchischen Zustände der 1990er-Jahre, die sich bis heute hartnäckig halten. Doch die Phase des totalen Chaos hat Albanien mit seinen gut drei Millionen Einwohnern längst hinter sich gelassen. Seit dem 1. April ist das Land, das über 40 Jahre lang im Würgegriff einer stalinistischen Diktatur gefangen war, Nato-Mitglied. Und vor wenigen Wochen hat die Republik  das Gesuch um einen EU-Beitritt eingereicht. Auch wenn der Weg dorthin noch ein langer sein dürfte, gibt es kaum Zweifel, dass Albanien früher oder später zur europäischen Familie gehören wird.

Nun will Albanien auch wirtschaftlich weiter aufholen und räumt dabei dem Tourismus einen ganz besonderen Stellenwert ein. „Tourismus hat in unserem Land das bei weitem größte Potenzial“, sagte der albanische Ministerpräsident Sali Berisha bei der Feier zur Gründung der Deutschen Industrie- und Handelsvereinigung in Albanien (DIHA) Anfang Mai. Die junge Demokratie bietet beste Voraussetzungen: 362 Kilometer Küste mit unzähligen traumhaften Buchten am Adriatischen und Ionischen Meer, dahinter eine wilde Berglandschaft und im ganzen Land eine Fülle von archäologischen Stätten und kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten.

Um möglichen deutschen Investoren, vor allem aus der Touristik-Branche, Albanien und sein Potential näher zu bringen, organisierten der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) Anfang Mai eine Informationsreise durch das Land, um Gelegenheit zu geben, sich direkt vor Ort umzusehen und Gespräche mit Tourismusexperten und Behördenvertretern zu führen. Shaqir Rexhvelaj, Generaldirektor im albanischen Tourismus-Ministerium, verwies dabei auf die größten sichtbaren Fortschritte, die sein Land seit der Wende im Jahr 1990 erreicht hat, nämlich die massive Verbesserung der Infrastruktur. Schon vor Jahren hätten sich Investoren aus Westeuropa für Albanien interessiert. „Aber damals hieß es stets, wir hätten die drei Grundlagen nicht, die es zum Investieren braucht: Strom, Wasser, Strassen“, erinnert sich Rexhvelaj. Heute hingegen sei die notwendige Infrastruktur weitgehend erstellt.

Davon konnten sich die Reiseteilnehmer nicht nur in der boomenden Hauptstadt Tirana, sondern auch bei ihrer Fahrt entlang der albanischen Küste in Richtung Süden selbst überzeugen. Der Zugang zu Strom und Wasser ist in den größeren Orten meist kein Problem mehr, auch wenn es noch immer zu Engpässen kommen kann. Es gibt zwar erst wenige vierspurige Autobahnen, doch die meisten Hauptverbindungsstrassen sind gut ausgebaut und werden stetig verbessert. Dies ist keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem Privatpersonen der Besitz eines Autos bis 1990 untersagt war.

Doch die bauliche Entwicklung der letzten Jahre zeigt auch ihre Schattenseiten. Besonders rund um die Hafenstadt Durres sind die mit herrlichen Sandstränden gesegneten Küstenabschnitte dicht mit mehrstöckigen Hotels und Appartement- Häusern zugebaut, die meist direkt am Meer stehen. Weil eine griffige gesetzliche Grundlage fehlte und oft die Eigentumsverhältnisse nicht geklärt waren, entstanden unzählige illegale Bauten. Schätzungen gehen von etwa 300.000 Gebäuden im ganzen Land aus.

Auch an der albanischen Südküste – dort, wo das Adriatische und das Ionische Meer zusammentreffen – wurde in vielen Ortschaften illegal und wild gebaut. Doch dieselben Fehler wie in Durres will man hier nicht machen. Die atemberaubende Küstenlinie mit endlosen Kies- und Sandstränden und traumhaften Buchten – außerhalb der Städte noch weitgehend unberührt – soll vor Verschandelung geschützt werden. Es sei in seiner Gemeinde klar festgelegt, wo gebaut werden dürfe und wo nicht, versicherte etwa Vladimir Kumi, Bürgermeister der Gemeinde Lukova. Doch das größte Problem für die Entwicklung seiner Region, die ungeklärten Eigentumsverhältnisse von Grund und Boden, sei noch nicht gelöst.

Während der stalinistischen Diktatur gehörte alles ausnahmslos dem Staat – heute melden oft mehrere Personen und auch der Staat Anspruch auf ein- und dasselbe Grundstück an. „Derzeit ist es unmöglich, bei uns etwas zu kaufen“, gab Kumi unumwunden zu. Potentielle Investoren würden lediglich auf einen „informellen Markt“ treffen. Denn solange ein Grundstück nicht im Grundbuch eingetragen sei, sei ein Verkauf verboten. Der albanischen Regierung in Tirana warf Kumi vor, die entsprechende Registrierung zu verzögern und möglichst viel Boden an der Südküste in staatlichen Händen behalten zu wollen und damit „die Interessen der einfachen Leute zu verraten“.

Dennoch könne man in Albanien aber schon heute durchaus gute Geschäfte mache – solange sie grundstücksunabhängig und gut abgesichert seien. In einem Land, das zu 70 Prozent von Bergen bedeckt ist, von unzähligen Flüssen durchzogen wird und wo eine massiv steigende Nachfrage nach elektrischer Energie herrscht, kann sich dies durchaus rechnen. Siemens ist bereits ins Geschäft mit der Wasserkraft in Albanien eingestiegen. Auch der Flughafen Tirana wird seit 2005 von der deutschen Hochtief Airport GmbH mit einer Lizenz über 20 Jahre betrieben.

Nicht nur dank stetig verbesserter Flugverbindungen hat Albanien auch für deutsche Reiseveranstalter großes Potential. „Wir werden das Land neu in unser Programm aufnehmen“, freut sich Jörg Kahlmeier, Projektleiter beim Studienreisen- Anbieter Weit-Blicke aus Leipzig. „Das Bild, das man in Deutschland von Albanien hat, ist viel schlechter als die Realität, gerade in punkto Sicherheit.“ Kulturhistorische Orte wie die zum Unesco-Welterbe gehörenden Städte Gjirokastra und Berat oder die archäologische Stätte Butrint und ihre Einbettung in eine faszinierende Landschaft machten Albanien äußerst attraktiv. „Das Spannendste aber sind die bis heute wahrnehmbaren Spuren der über 40-jährigen Isolation Albaniens und der besonderen Form des Kommunismus‘ im Land“, so Kahlmeier. Am sichtbarsten sind die Tausenden von Einmann-Betonbunker, die überall wie Champignons aus dem Boden ragen und bis heute von der Sicherheits-Paranoia des Diktators Enver Hoxha zeugen.

Albanien werde aber in absehbarer Zeit kaum zu einer neuen Badeurlaubs-Destination für deutsche Touristen werden – darin sind sich Kahlmeier und Touristik-Berater Gerd Hesselmann einig: „Erstens stimmt dafür der Standard nicht, und zweitens wächst das Marktsegment Badetourismus ganz allgemein nicht mehr weiter“, erklärt Hesselmann. „Da gibt es für Albanien kaum noch etwas zu holen.“ Für die Fachleute ist klar, dass für kleine Gruppen von interessierten westeuropäischen Touristen das Unentdeckte und Andersartige, das Authentische und Geheimnisvolle den Reiz Albaniens ausmacht. Jörg Kahlmeier bringt es auf den Punkt wenn er sagt: „Der Mensch strebt von Natur aus danach, weiße Flecken zu entdecken. In Albanien kann er das!“

Norbert Rütsche
Südosteuropa-Korrespondent