Aserbaidschan
Die hohen Einnahmen aus dem Export von Erdöl haben Aserbaidschan 2008 zweistellige Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes (BIP) beschert. Bisher allerdings behinderte der Ölboom eine erfolgreiche Diversifizierung der Wirtschaft. Die aserbaidschanische Regierung ist sich der geopolitischen sowie wirtschaftlichen Risiken einer nur auf Energie ausgelegten Handelsstruktur bewusst und arbeitet nunmehr gezielt daran, die Investitionsbedingungen im Land zu verbessern, damit vermehrt auch Investoren aus Nicht-Energiebranchen in der Republik Fuß fassen. Insgesamt bietet das Land überdurchschnittlich gute Investitions- und Handelsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen.
Als einer der Top-3 Ölexporteure im postsowjetischen Eurasien hat Aserbaidschan sehr vom weltweiten Hunger nach Energieressourcen profitiert. Nach internationalen Schätzungen hat das Land Ölreserven im Bereich von 7 bis 13 Milliarden Barrel und förderte im Jahr 2007 870 Tausend Barrel pro Tag (b/d), was einem Wachstum von knapp 32 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die Internationale Energieagentur (IEA) rechnet für 2009 mit dem Überschreiten der 1 Million b/d-Marke.
Aserbaidschan verfügt zudem über beachtliche Gasressourcen: Derzeit liegt die Produktion bei 10 - 11 Milliarden Kubikmeter, ab 2013 soll das Produktionsvolumen auf 12 – 15 Milliarden Kubikmeter steigen. Davon werden ca. 9 – 12 Milliarden Kubikmeter zum Export bereit stehen. Der derzeitige Hauptabnehmer aserbaidschanischen Gases ist die Türkei. Dies könnte sich allerdings im Laufe der nächsten Jahre ändern, da auch andere Länder – der Iran, Georgien, Russland und nicht zuletzt die EU - Interesse am aserbaidschanischen Gas angemeldet haben.
Die Energieindustrie ist der wichtigste, aber nicht der einzige Motor des aserbaidschanischen Wachstums. Seit die Regierung angefangen hat, das Zoll- und Steuersystem umzustrukturieren, Maßnahmen zur Stärkung des Privatsektors (z.B der Ausbau von Dienstleistungen im ländlichen Gebieten) zu ergreifen und bürokratische Hürden bei der Registrierung von Privateigentum abzubauen, sind auch die Dienstleistungs- und Bausektoren stark gewachsen. Insgesamt jedoch litt der Nicht-Energiesektor des Landes in den vergangenen Jahren unter der starken Aufwertung des aserbaidschanischen Manats. Am stärksten betroffen von der „holländischen Krankheit“ ist der Landwirtschaftssektor, in dem rund 40 Prozent der Bevölkerung beschäftigt sind und der mit den vergleichsweise günstigen Importen aus Nachbarländern nicht mehr konkurrieren kann.
Der Zufluss von ausländischen Investitionen ist seit 2003 rückläufig und nahm 2007 um knapp 30 Prozent ab. Die Hauptursache dafür ist die Fertigstellung von einigen der wichtigsten Anlagen zur Öl- und Gasförderung (z.B. der BTC Pipeline) in den letzten Jahren. Die Asian Development Bank erwartet für die nächsten fünf Jahre einen weiteren Rückgang. Dieser wird allerdings durch die steigende einheimische Investitionstätigkeit, besonders durch den öffentlichen Sektor, ausgeglichen. In 2007 betrug der heimische Anteil an den Investitionen 53 Prozent des Gesamtvolumens und wird laut Experten der ADB jährlich um acht Prozent wachsen.
Fast 80% der ausländischen Direktinvestitionen fließen in den Öl- und Gassektor. Deswegen bemüht sich die aserbaidschanische Regierung besonders, Projekte außerhalb dieser Branche zu fördern. Dazu wurde im Jahr 2006 die Azerbaijan Investment Company (AIC) gegründet. Die staatliche Gesellschaft beteiligt sich mit bis zu 20% an ausländischen Investitionen. Ihr Kapital stammt vollständig aus dem staatlichen Öl-Fonds und beträgt über 80 Millionen Euro. Die Anteile der Gesellschaft dürfen nicht höher sein als die der Hauptanteilseigner, gleichzeitig müssen sie aber ausreichen, um Sperrminoritätsrechte auszuüben. Vorgesehen ist, dass die aserbaidschanischen Co-Investoren ihre Beteiligung später am Kapitalmarkt wieder verkaufen.
Der Anstieg des Ölpreises und der Energieexporte des Landes resultierte in einem Leistungsbilanzüberschuss von knapp 40 Prozent 2008. Der staatliche Öl-Fonds Aserbaidschans (SOFAZ) ist die Hauptinstitution der Regierung zur Verwaltung der Energieeinkünfte des Staates: SOFAZ ist zuständig für Überweisungen an die Regierung, investiert direkt in Infrastrukturprojekte und unterstützt die Binnenflüchtlinge der Bergkarabach-Region.
Beflügelt vom Energiesektor erwartet Aserbaidschan in den kommenden Jahren weiterhin starkes Wachstum. Um der stetig steigenden Inflation entgegenzuwirken sollte die Regierung eine strengere Fiskalpolitik einführen und weiterhin den Währungskurs des Manats anheben. Allerdings hat letzteres negative Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit aserbaidschanischer Exporte aus dem Nicht-Ölsektor. Deswegen bleibt die Hauptherausforderung des Landes die Diversifizierung der Wirtschaft - ein Thema, welches vor dem Hintergrund des russisch-georgischen Konfliktes und den damit verbundenen Auswirkungen auf den Energietransit durch Georgien zusätzlich an Bedeutung gewonnen hat.
Aserbaidschan verfolgt das Ziel, der Welthandelsorganisation beizutreten. Erste Gespräche mit dem WTO-Sekretariat haben im Jahr 2007 stattgefunden. Aus Analysen der EBRD geht hervor, dass Aserbaidschan ein vergleichsweise reformfreudiges Land ist. Auf den Gebieten der Preisliberalisierung sowie des Handels- und Währungssystems hat das Land bereits die Standards einer industrialisierten Marktwirtschaft erreicht. Ebenso entspricht die Privatisierung der Kleinindustrie den EU-Standards. Besonderen Nachholbedarf hat die Kaukasusrepublik in den derzeit stark wachsenden Bereichen der Telekommunikation und Infrastruktur, sowie bei der Privatisierung der Großindustrie. Diese Bereiche eröffnen attraktive Möglichkeiten für den Markteinstieg deutscher Unternehmen.
Der Doing Business Report der Weltbank kürte Aserbaidschan zum Top-Performer der Periode 2007/8. Besonders gelobt wird die Einrichtung eines „one-stop shop“ - Verfahrens zur Geschäftsgründung, welche Zeit und Kosten erheblich einspart. Des Weiteren wurde ein Gesetz zum Schutz von Minderheitsbeteiligungen erlassen und ein neues Wirtschaftsgericht in Baku errichtet , welches Verzögerungen bei Vertragsdurchsetzung entgegenwirken soll. Insgesamt hat sich Aserbaidschan im Vergleich zum Vorjahresreport um 64 Plätze auf Platz 33 entwickelt – die Bundesrepublik Deutschland befindet sich auf Platz 25. Somit besitzt Aserbaidschan nicht nur das wirtschaftliche Potential für den Markteinstieg verschiedener Branchen, die Regierung zeigt auch politischen Willen, ausländischen Investoren entgegenzukommen.
Wirtschaftbeziehungen zu Deutschland
1. Handel
Die deutsch-aserbaidschanischen Handelsbeziehungen entwickeln sich kontinuierlich aufwärts. So erreichte das Handelsvolumen beider Länder im Jahr 2008 2,4 Milliarden Euro – ein Anstieg um 56 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Deutschland ist, nach Russland und der Türkei, das drittgrößte Lieferland der Kaukasusrepublik. Aserbaidschan wiederum ist der drittgrößte GUS-Exporteur nach Deutschland. Die Handelsstruktur der beiden Länder ist komplementär: 98 Prozent der aserbaidschanischen Exporte besteht aus Rohöl, insgesamt 65 Prozent der deutschen Exporte sind Maschinen, Elektronik, Kraftfahrzeuge und Kraftfahrzeugteile sowie Mess- und Regeltechnik.
2. Investitionen
Aserbaidschan braucht ausländische Investitionen, um die in vielen Sektoren marode verarbeitende Industrie auf Vordermann zu bringen, eine moderne Transportinfrastruktur zu errichten, die Kapazitäten für die Energieerzeugung und -verteilung zu erneuern und eine leistungsfähige Dienstleistungswirtschaft aufzubauen. Angesichts der notwendigen Diversifizierung der Wirtschaft ist Aserbaidschan auf Wissenstransfers in den Industriezweigen Petrochemie, Chemie/Pharmazie, Maschinenbau, Baustoff-, Textil-, Bekleidungs-, Kfz- und Lebensmittelindustrie besonders angewiesen und bietet somit Potential für R&D Partnerschaften mit deutschen Unternehmen.
Groß ist auch das Interesse Aserbaidschans an der Nutzung erneuerbarer Energien für die Strom-, Warmwasser- und Wärmeversorgung. Schon weit fortgeschritten sind die Vorbereitungen für den Bau eines Windkraftparks mit einer Gesamtleistung von bis zu 60 MW im Landkreis Gobustan unweit der Hauptstadt Baku. Besonders gut sind die Geschäftsaussichten für deutsche Produzenten aus der Baustoffbranche. So hat der Wohnungsbau nach einer langen Flaute mit der Fertigstellung von 1,6 Mio. qm neuen Wohnflächen 2005 und 2006 wieder ein recht hohes Niveau erreicht und entwickelt sich weiterhin sehr dynamisch.
Aserbaidschan ist ein westlich orientiertes Land und bestrebt, eine wettbewerbsfähige Industrie und einen entwickelten Dienstleistungssektors außerhalb der Öl- und Gaswirtschaft aufzubauen. Die vorhandenem Währungsreserven ermöglichen der Regierung weitreichende Investitionen sowie eine deutliche Erhöhung staatlicher Sozialleistungen und Gehälter. Das Land bietet überdurchschnittlich gute Handels- und Investitionsmöglichkeiten für die deutsche Wirtschaft, da die Nachfrage nach Importgütern kontinuierlich steigt und Investitionsprojekte im Tandem mit der AIC interessante Geschäftschancen erkennen lassen. Die Bundesrepublik unterstützt deutsche Investoren in Aserbaidschan mit den deutsch-aserbaidschanischen Investitionsschutz- und Doppelbesteuerungsabkommen.
Quellen:
Aserbaidschanisches Statistikamt
Asian Development Bank
Auswärtiges Amt
BP
Bundesagentur für Außenwirtschaft
European Bank for Reconstruction and Development
Statistisches Bundesamt Deutschland
Internationale Energie-Agentur
International Monetary Fund
World Bank

Statistik
Präsident: Ilham Alijew
Regierungschef: Artur Rasisade
Hauptstadt: Baku
Bevölkerung, 2009: 8,99 Mio.
BIP, 2009: 43,2 Mrd. USD
BIP pro Kopf (KKP), 2008: 9.000 USD
BIP-Wachstum, 2009: 9,3%
Bilateraler Handel mit Deutschland:
Importe aus AZ, 2009: 1,86 Mrd. Euro
Exporte nach AZ, 2009: 0,42 Mrd. Euro
Quellen:
Auswärtiges Amt, CIA World Fact Book, Statistisches Bundesamt.
BIP: Bruttoinlandsprodukt
KKP: Kaufkraftparität
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