Bulgarien und Rumänien im Strudel der Krise

3. Juli 2009

Am Konjunkturhorizont der Balkanländer Bulgarien und Rumänien ziehen infolge der weltweiten Wirtschaftskrise dunkle Wolken auf. Nach Jahren rasant hohen Wachstums, gekrönt durch den EU-Beitritt im Januar 2007, stürzen nun beide Länder in die Rezession. Massive Einbrüche der Industrieproduktion, starkes Schrumpfen der Export-Nachfrage und der Rückgang ausländischer Investitionen sind die wesentlichen akuten Symptome.

Rumänien ist inzwischen das sechste Land der Region, für das IWF, EU und Weltbank ein Milliarden-Rettungspaket zur Abwendung eines Staatsbankrotts schnüren mussten. Im Unterschied dazu scheint Bulgarien, dessen Währung Lev an den Euro gekoppelt ist, etwas besser aufgestellt. Das Land ist finanziell stabiler. Hätte die Krise keinen Strich durch die Rechnung gemacht, wäre Bulgarien möglicherweise schon im „Wartezimmer“ zur Euro-Zone, dem Wechselkursmechanismus II, angekommen. Jetzt ist die Realwirtschaft jedoch schwer angeschlagen. Die bulgarische Stahlindustrie liegt am Boden, der Bausektor meldet Auftragseinbrüche zwischen 60 und 70 Prozent, die Textilbranche von bis zu 40 Prozent. Für die kommenden Monate wird ein drastischer Anstieg der Arbeitslosenquote erwartet.

Die Wirtschaftsentwicklung beider Länder wird aber auch durch hausgemachte Faktoren gehemmt. Die Verwaltungs- und Rechtsprechungssysteme sind oft noch sehr ineffizient, Korruption und Kriminalität lassen sich nur allmählich eindämmen. Im letzen Jahr hatte die EU im Falle Bulgariens wegen wiederholter Unregelmäßigkeiten bei der Verwendung von Fördergeldern rund 500 Millionen Euro eingefroren, knapp die Hälfte davon ist wohl unwiderruflich verloren. Inzwischen wurde eine Tranche von 115 Millionen Euro wieder freigegeben, die vor allem für den Autobahnbau bestimmt ist. Oberste Priorität hat die Modernisierung der Infrastruktur. Diesbezüglich können in der Krisenphase EU-Mittel wie Konjunkturprogramme wirken.

Die Perspektiven für deutsche Unternehmen in ausgewählten Branchen sind weiterhin interessant. Unter anderem im Straßen- und Eisenbahnbau, im Bereich Versorgungsinfrastruktur (Energie, Wasser und Abwasser) sowie im Umweltschutz bieten sich Chancen. Rund 1200 deutsche Firmen sind in Bulgarien aktiv. Als Vorteile gelten insbesondere die moderaten Lohnkosten sowie die niedrige Steuerbelastung mit einer Körperschaftsteuer-„Flatrate“ von nur zehn Prozent. Bulgarien bleibt ebenso wie Rumänien als Absatzmarkt und als Produktionsstandort attraktiv. Die beiden jüngsten EU-Mitglieder haben in ihrer historischen und wirtschaftlichen Entwicklung viele Gemeinsamkeiten. Demnächst kommt ein weiteres, längst überfälliges, verbindendes Element hinzu. Entlang der 500 Kilometer langen gemeinsamen Do-naugrenze existiert bisher zwischen Bulgarien und Rumänien nur eine Brücke bei Ruse und Giurgiu. Die zweite Donaubrücke zwischen Vidin und Calafat mit strategischer Bedeutung für den europäischen Warenverkehr soll 2010 fertig gestellt werden. Bis dahin haben sich aller Voraussicht nach die Wogen der Weltkonjunktur etwas geglättet, so dass die beiden „Emerging Markets“ mittelfristig ihrem Namen wieder alle Ehre machen können.

Edwin Eichler
Mitglied des Vorstands der ThyssenKrupp AG
Mitglied des Präsidiums und Sprecher des Länderkreises Bulgarien im Ost-Ausschuss