Deutsch-russischer Dialog zur automobilen Zukunft

19. September 2017

Deutsche und russische Experten diskutierten im Rahmen der IAA über Elektromobilität und autonomes Fahren

Alternative Antriebe und autonomes Fahren waren die zentralen Themen eines deutsch-russischen Dialogs zur Automobilindustrie, den der Ost-Ausschuss in Kooperation mit dem Verband der Automobilindustrie (VDA) und Mangold Consulting im September im Rahmen der Internationalen Automobilausstellung IAA 2017 in Frankfurt am Main veranstaltete. In Russland werden dazu bereits zahlreiche konkrete Projekte vorangetrieben, die Marktchancen auch für deutsche Anbieter eröffnen.

Was in der Elektromobilität schon möglich ist, beweist der E-Rennwagen, den der Autozulieferer Schaeffler auf seinem Messestand auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt am Main präsentierte. Das Gefährt beschleunigt in 2,5 Sekunden auf 100 Stundenkilometer und bescherte dem deutschen Team Abt Schaeffler Audi Sport im Sommer den ersten Fahrer-Titel in der Formel E. Schaeffler hat zusammen mit der Firma Abt den Antriebsstrang für den Boliden entwickelt. Ganz so rasant kommt die Elektromobilität für den Normalverbraucher noch nicht voran, weder in Deutschland noch in Russland.

Trend zu alternativen Antrieben

Doch der weltweite Trend zu alternativen Antriebssystemen hat längst auch die russische Automobilindustrie erfasst. Russische Hersteller setzen auf elektrische und Hybridantriebe und treiben konkrete Projekte im Bereich des autonomen Fahrens voran. Unterstützung kommt von der Regierung: In Zukunft sollen jährlich 65 Milliarden Rubel (eine Milliarde Euro) in die Entwicklung der Elektromobilität und des autonomen Fahrens fließen. Alternative Antriebe und autonomes Fahren waren auch die zentralen Themen eines deutsch-russischen Dialogs zur Automobilindustrie im Rahmen der IAA.

Der TUI-Aufsichtsratsvorsitzende und ehemalige Ost-Ausschuss-Vorsitzende Klaus Mangold, der die Veranstaltung initiiert hatte, begrüßte die rund 60 Teilnehmer, die der Einladung nach Frankfurt gefolgt waren, darunter auch der russische Vize-Industrieminister Aleksandr Morozow. Einleitend hob VDA-Präsident Matthias Wissmann die Bedeutung der zunehmenden Digitalisierung der Autobranche hervor: „Nur wer bei der Digitalisierung vorne dabei ist, wird auch in der Autoindustrie an der Spitze stehen“, so Wissmann. Der VDA-Präsident führte etwa die Bedürfnisse der Pendler in Moskau an, die ein Viertel der Fahrzeit im Stau stünden. Autonome, intelligente Fahrersysteme können hier Entlastung schaffen, indem sie das Fahren teilweise übernehmen: „Ohne Angebote für diese Pendler, werden wir zukünftig keine Autos mehr verkaufen“, sagte Wissmann. Auch Minister Morozow verwies auf die große Nachfrage nach autonomen Fahrsystemen in den großen russischen Städten und forderte die deutsche Automobilindustrie auf, hier gemeinsame Standards zu setzen.

Mobile Gesamtkonzepte für die Stadt der Zukunft

Wie auf der gesamten IAA stand das Thema Elektromobilität prominent auf der Tagesordnung, auch wenn keiner der Redner einen Abgesang auf den Verbrennungsmotor anstimmen wollte. Rainer Lindner, CEO Central & Eastern Europa, Middle East & Africa der Schaeffler AG stellte die e-Mobility-Projekte von Schaeffler vor, das seine Elektromobilitäts-Kompetenzen im neuen Unternehmensbereich „E-Mobilität“ bündelt und auch für den russischen Markt hybride und elektrische Antriebe anbieten will. Dabei setzt Schaeffler unter dem Motto „Mobility for tomorrow“ auf mobile Gesamtkonzepte für die Stadt der Zukunft, zu denen verschiedene Systeme der Fortbewegung vom E-Bike bis zum Robotertaxi gehören: „Die urbanen Zentren in Russland interessieren uns“, so Lindner.

Russische Hersteller wie der Lkw-Bauer GAZ sind in der E-Mobility schon mit konkreten Projekten unterwegs. Mit dem „GAZelle Next“ hat GAZ kürzlich seinen ersten Elektrominibus vorgestellt, die Montage soll im Herbst 2017 beginnen. Kamaz und Siemens forschen an der Entwicklung von E-Trucks und E-Bussen sowie gasbetriebenen Kfz. Das Konsortium DK Rus von Kamaz und Daimler plant ab 2018 den Bau von Kleinbussen des Modells Sprinter mit Elektroantrieb. Um dieses Thema weiter voranzubringen, forderte Christian Kremer, Senior Vize-Präsident „Global Sales & Marketing“ der GAZ-Gruppe, die Einführung internationaler Standards in Russland, Unterstützung durch die Regierung, den Ausbau der Infrastruktur – etwa von Ladestationen – und die Lokalisierung von Komponenten.

Problem Datenschutz

In der anschließenden Diskussionsrunde zum autonomen Fahren wies Dirk Weigand, Director „Intelligent Transportation Systems“ der Daimler AG, auf das wichtige Thema Datensicherheit hin: „Ein sicherer Zugang zu den Fahrzeugdaten muss gewährleistet werden.“ Schließlich fallen durch die Kommunikation zwischen Fahrzeugen und der Infrastruktur erhebliche Datenmengen an, deren Nutzung geregelt werden müsse. Sergej Kogogin, Vorstandsvorsitzender von Kamaz, hob die wachsende Bedeutung des Straßentransports in Russland hervor. Hier könnten intelligente Fahrerassistenzsysteme zur Reduzierung von Unfällen und zur Senkung der Betriebskosten beitragen. Er stellte die Kamaz-Strategie zur Entwicklung autonomer Fahrsysteme vor, zu der auch unbemannte Fahrzeuge gehören, die zunächst etwa in „geschützten Räumen“, z.B. in der Werkslogistik, aber auch in entlegenen Gebieten in Sibirien genutzt werden können, wo sie etwa der Belieferung weit entfernter Produktionsstätten dienen. Auch Konkurrent GAZ arbeitet an der Entwicklung von fortgeschrittenen Fahrerassistenzsystemen und unbemannten Lieferwagen.

Im dritten Panel zum Thema „Digitalisierung und Mobilität“ stellte Jewgenij Melichow, Leiter der Abteilung für Entwicklung beim russischen Satellitennavigationssystem Glonass, das Projekt „Autonet 2.0“ vor, das eine von neun nationalen Technologieinitiativen in Russland ist und von großen russischen IT-Unternehmen wie Yandex, aber auch von Autoherstellern wie Kamaz unterstützt wird. Autonet soll ein „Internet of Transportation“ werden, indem es eine einheitliche, navigationsgestützte Infrastruktur für vernetztes Fahren schafft. „In Russland werden 2025 ein bis zwei Prozent der Autos teilweise autonom sein,“ schätzt Melichow. Das Projekt, für das eine Arbeitsgruppe unter Minister Morozow eine Roadmap erarbeitet, umfasst aber auch Geschäftsmodelle wie das Carsharing, die die Trennung von privatem und öffentlichem Verkehr aufheben. Volkswagen-Vorstand Andreas Renschler wies auf die Bedeutung gemeinsamer Plattformen und der Vernetzung von Fahrzeugen hin, die dazu beitragen könnten, Staus und Leerfahrten zu vermeiden.

Russland setzt neue Maßstäbe

Um die Rahmenbedingungen im Automobilsektor ging es im abschließenden Panel. Petros Sourmelis, Referatsleiter Russland in der Generaldirektion Handel der Europäische Kommission, kritisierte die teils unklare russische Lokalisierungspolitik und die Diskriminierung von Importen gegenüber der lokalen Produktion. Minister Morozow verwies abschließend auf den jüngsten Aufschwung des russischen Automarkts: So sei der Absatz von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen in den ersten acht Monaten um elf Prozent auf gut eine Million Einheiten gestiegen, die Produktion sogar um fast ein Fünftel auf 950.000 Einheiten. Morozow stellte das geplante neue Investitionsregime vor, das stärker auf technologische Innovationen sowie Forschung und Entwicklung setzt, etwa die Produktion von Elektromotoren, Batterien und Telematiksystemen. Ab 2020 sollen hierzu schrittweise zusätzliche Kriterien für die Förderung von Investitionen im Rahmen der Sonderinvestitionsverträge eingeführt werden.

VW-Vorstand Renschler warnte davor, die russische Autoindustrie zu unterschätzen. Er verwies darauf, dass es bereits 144.000 gasbetriebene Fahrzeuge im Land gebe und die Stadt Moskau ein ehrgeiziges E-Bus-Programm umsetze. „Die Autoindustrie in Russland hat enorm aufgeholt und setzt neue Maßstäbe“, sagte Renschler.

Christian Himmighoffen
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft