Russland braucht Landwirtschaft 4.0

20. Januar 2017

Branche könnte Standbein der russischen Wirtschaft werden/ Business-Frühstück Russland auf der Grünen Woche

Jedes Jahr im Januar gibt sich die Agrar- und Ernährungswirtschaft ein Stelldichein auf der Grünen Woche in Berlin. Während draußen noch die letzten schmutzigen Schneereste daran gemahnen, dass eigentlich Winter sein sollte, wird das Auge in den Hallen mit Farben förmlich überflutet. Und mittlerweile gehört es auch schon zur guten Tradition, dass der Ost-Ausschuss gemeinsam mit der Commerzbank und Ernst & Young zu einem Business-Frühstück zu Russland einlädt, um über die aktuellsten Entwicklungen in der Branche zu informieren und zu diskutieren.

Mit natürlichen Ressourcen ist Russland reich gesegnet. Es verfügt über etwa zehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen weltweit, vereint auf seinem Territorium ein Viertel des globalen Waldbestandes und die meisten verfügbaren Süßwasserreserven. Aber Potenzial allein genügt nicht. Es mangelt – nicht nur in der Landwirtschaft – an der notwendigen Produktivität. Zwar wächst der Exportanteil beim Weizen jedes Jahr, allerdings produziert China fast drei Mal so viel Tonnen pro Hektar. Bei Sonnenblumen liegt das Land nach der reinen Erntemenge auf dem ersten Platz, doch Länder wie China, die USA, Brasilien und die Ukraine sind deutlich stärker beim Ertrag.

Nationales Programm beflügelt

Die Gründe sind seit vielen Jahren die gleichen: ein Mangel an Fachkräften, schlechte Infrastruktur, fehlender Mittelstand, Protektionismus, veraltete Technik. Ein Spezifikum der russischen Landwirtschaft kommt noch dazu: Häufig sind die Besitzer der Betriebe branchenfremde Investoren. Aber es besteht die berechtigte Hoffnung, dass sich der Sektor in den nächsten Jahren besser und schneller entwickelt als die russische Wirtschaft insgesamt. Einerseits beflügelt das nationale Programm zur Entwicklung der Landwirtschaft die Branche. Über Rosagroleasing werden zinsvergünstigte Kredit zur Verfügung gestellt, die Anschaffung von Landtechnik wird staatlich subventioniert, und die sanktionsbedingte Abschottung des Marktes sorgt bei den einheimischen Produzenten für Rückenwind.

„Es gibt nicht wenige die sagen, dass die Sanktionen durchaus noch ein paar Jahre in Kraft bleiben sollten, damit sich die nationale Landwirtschaft besser entwickeln kann“, beschreibt Heinrich Steins, CEO von JohnDeere Russland, die Ambivalenz der Situation. Denn auch in Russland ist man sich der Tatsache bewusst, dass Landwirtschaft heute eine High-tech-Branche ist, die Technik, Methoden und Austausch „state of the art“ braucht – Landwirtschaft 4.0. Ein dauerhaft abgeschotteter Markt wird dem Wettbewerb am Weltmarkt kaum standhalten können.

Balanceakt für Mittelständler

Expertise und Know-how, gepaart mit der Erfahrung aus vielen Ländern der Welt, stehen indes zur Verfügung. Für sehr viele ausländische Firmen ist der russische Agrarsektor hoch interessant. Ausländische Unternehmen sehen sich jedoch mit der Herausforderung konfrontiert, lokalisieren zu müssen. Politisch unbedingt gewollt, ist es jedoch vor allem für mittelständische Firmen ein Balanceakt zwischen wirtschaftlicher Rentabilität und Markteintritt oder -erhalt. Für diesen Schritt sprechen die schiere Größe des Marktes, die nachholende Industrialisierung, die notwendige Modernisierung und die staatliche Unterstützung im Agrarsektor. Dem gegenüber stehen die unsichere Marktentwicklung, die Volatilität der Währung und der Fakt, dass in Russland kaum Personal zu finden ist, das in der Landwirtschaft arbeiten möchte. Trotzdem gilt: „Der Zeitpunkt um nach Russland zu gehen, könnte günstiger nicht sein. Die Markteintrittskosten haben sich in den letzten zwölf Monaten nahezu halbiert. Die Preise für Immobilien sind deutlich gesunken und die heimischen Produzenten in Finanzierungsschwierigkeiten“, wirbt Tobias Lüpke, Partner und Leiter des German Desk bei Ernst & Young für Russland.

Damit bestätigt er die Einschätzung vieler Analysten und der Unternehmen selbst, die schon seit dem dritten Quartal 2016 einen leichten Aufwärtstrend in der russischen Wirtschaft ausmachen. Getragen wird die positive Entwicklung vom steigenden Ölpreis, und glaubt man den Finanzmarktexperten, dann wird diese Aufwärtsbewegung anhalten, auch weil sich keines der Öl fördernden Länder eine zweite Rallye im Niedrigpreissegment zum Gewinn von Marktanteilen leisten kann. Die Chancen, dass sich die russische Landwirtschaft zu einem echten Standbein der Wirtschaft entwickelt stehen also nicht schlecht.

Jens Böhlmann
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft