Russland soll grüner werden

6. Dezember 2017

Nachhaltige Rohstoffgewinnung und erneuerbare Energien werden gefördert/ Konferenz „Ökologische Verantwortung im russischen Energiesektor“ in Berlin

Das Jahr 2017 war in Russland offiziell zum Jahr der Ökologie erklärt worden. Noch verbinden viele Russland nicht unbedingt mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit, doch die Themen sind längst in der russischen Politik und in den Unternehmen angekommen – nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen. Auf bis zu sechs Prozent des BIP bezifferte Präsident Wladimir Putin Ende 2016 die umweltbedingten Schäden in Russland. 2017 verabschiedete das Land eine „Strategie für die ökologische Sicherheit bis 2025“. Neue Gesetze verpflichten die Unternehmen dazu, Umweltreports zu veröffentlichen und effizientere Technologien einzusetzen. Der Anteil erneuerbarer Energien am Energieverbrauch soll bis 2030 auf 4,9 Prozent gesteigert werden.

Konferenz in Berlin

Die Chancen und Herausforderungen für eine nachhaltige Förderung fossiler Energieträger und der Ausbau der erneuerbaren Energien in Russland standen im Zentrum der Konferenz „Ökologische Verantwortung im russischen Energiesektor“, die die russische Beratungsgesellschaft CREON Group und der World Wildlife Fund (WWF) in Kooperation mit dem Ost-Ausschuss, der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) und dem United Nations Development Program Anfang Dezember in Berlin veranstalteten. Rund 90 Teilnehmer diskutierten über die Perspektiven erneuerbarer Energien in Russland, Defizite bei der Begleitgas-Nutzung in der Ölproduktion und die LNG-Betankung von Schiffen als umweltschonende Alternative zum Schweröl.

Ziel der Veranstaltung war es, deutsche und russische Unternehmen sowie Experten aus Verbänden und Umweltorganisationen zusammenzubringen. Schließlich hält die deutsche Wirtschaft Technologien bereit, die zu einer nachhaltigeren Öl- und Gasförderung in Russland beitragen können. „Dabei gibt es viele Möglichkeiten für Projekte, bei denen Umweltschutz und wirtschaftliche Interessen Hand in Hand gehen“, sagte Ursula Borak, die im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) die Abteilung „Internationales, fossile Energieträger und Kernenergie“ leitet. „Umwelt und Klima - und damit wir alle - profitieren davon, wenn die deutsch-russische Energiezusammenarbeit ‚grüner‘ wird“, sagte Christiane Schuchart, Russland-Direktorin beim Ost-Ausschuss in ihrem Grußwort.

Rating vorgestellt

Erstmals präsentierte die CREON Group außerhalb Russlands das dort bereits etablierte Rating der ökologischen Verantwortung russischer Öl- und Gasunternehmen, das CREON gemeinsam mit dem WWF seit vier Jahren im Jahresturnus erhebt. Den ersten Platz im Rating belegte 2017 erneut Sakhalin Energy, das zwei Öl- und Gasfelder in Nordost-Sachalin und eine LNG-Anlage im Süden der Halbinsel betreibt, gefolgt von Exxon Mobil und Surgutneftegaz. Andrey Samatov, der Leiter der Umweltdivision bei Sakhalin Energy, erläuterte das Umweltmanagementsystem des Unternehmens, zu dem das Abfall- und Energiemanagement, der Schutz der lokalen Tier- und Pflanzenwelt und Projekte zur Reduzierung der Treibhausgase in der Flüssiggas-Produktion gehören.

Natalia Zaytseva, die das Zentrum für nachhaltiges Wirtschaften an der Moscow School of Management Skolkovo leitet, wies darauf hin, dass die Zahl der Unternehmen, die ihre Verantwortung für eine nachhaltige Wirtschaft erkennen, auch in Russland stetig wachse. Dies bestätigte auch Alexey Knizhnikov, der beim WWF Russland für das Ranking mit CREON verantwortlich ist: „Vor vier Jahren war es extrem schwierig für uns, überhaupt an Daten und Informationen zu Unfällen und Umweltverschmutzung zu kommen. Inzwischen werden besonders die großen Öl- und Gasunternehmen von Jahr zu Jahr transparenter, denn der Druck der Öffentlichkeit wächst.“ Allerdings gebe es weiterhin Defizite: „Satellitenbilder legen nahe, dass in der Ölproduktion tatsächlich viel mehr Begleitgas abgefackelt wird als die offiziellen Daten von Regierung und Unternehmen behaupten“, sagte Knizhnikov. Auch Störfälle in Betrieben würden allzu oft verschwiegen.

Konkrete Ansätze

Michail Babenko, Abteilungsleiter „grüne Wirtschaft“ beim russischen WWF stellte konkrete Ansätze Russlands vor, um den ökologischen Umbau der Wirtschaft voranzutreiben, wie die Schaffung eines Umweltrates und die Pflicht zur Veröffentlichung von Umweltberichten durch die Unternehmen. Das entsprechende Gesetz sollte Ende 2017 finalisiert und in den Jahren 2018 bis 2020 umgesetzt werden. Die Regierung setzt zudem auf die Verbreitung der „Besten verfügbaren Techniken“ (BVT): Ab 2019 müssen Anlagen verschärfte Umweltauflagen erfüllen und BVT einsetzen. „Es gibt in Russland schon einige Instrumente, um BVT einzuführen“, sagte Johannes Schumann von der GIZ, etwa durch Ermäßigungen von Steuern und Umweltabgaben.

Natalia Zaytseva machte allerdings deutlich, dass Russland im Hinblick auf nachhaltige Technologien noch ein Transformationsland sei. Zu den Hindernissen gehörten der Mangel an nachhaltigen Zulieferern und geschultem Personal, ein geringes Konsumentenbewusstsein für Nachhaltigkeitsthemen und eine ungenügende Rechtsdurchsetzung im Umweltbereich. Trendsetter sind häufig die großen Konzerne: So führt Lukoil Projekte zur Müllvermeidung in der Arktis durch, und Gazprom Neft berücksichtigt bei der Auswahl von Zulieferern unter anderem auch Umweltaspekte.

Erneuerbare in den Kinderschuhen

Die erneuerbaren Energien stecken in dem von Öl, Gas und Kohle geprägten Land noch in den Kinderschuhen. 2016 kamen erst 0,2 Prozent des erzeugten Stroms aus regenerativen Energiequellen. Aber: „Der Markt für Erneuerbare Energien entwickelt sich“, sagte Michail Babenko: „Wir beginnen über erneuerbare Energien als Business Cases zu diskutieren.“ Große russische Konzerne wie Rosnano und Rosatom seien 2017 als Schrittmacher in den Windenergiemarkt eingetreten, hätten Einspeiselizenzen ersteigert und suchten Zulieferer für Anlagen, sagte Thomas Heidemann, Leiter des Moskauer Büros der Kanzlei CMS Hasche Sigle: „Die Situation ist völlig anders als vor fünf Jahren. Es gibt tatsächlich Projekte.“ Ein Problem im Bereich Windenergie sei der hohe Lokalisierungsanteil von mindestens 65 Prozent, der für einen lukrativen Einspeisetarif vorgeschrieben sei. In der Sonnenenergie plant Eurosolar Russland Pilotprojekte in nördlichen Regionen des Landes. Rund ein Fünftel der Bevölkerung lebten in entlegenen Regionen, die nicht an das Stromnetz angeschlossen seien, berichtete Georgy Kekelidze, Präsident von Eurosolar Russland.

Die Veranstaltung soll keine einmalige Aktion bleiben. Mit dem Ost-Ausschuss und der Auslandshandelskammer vereinbarte CREON, die Konferenz 2018 erneut zu veranstalten und auszubauen. „Russland bewegt sich im Bereich Ökologie und Nachhaltigkeit. Darum ist es im Interesse der deutschen Wirtschaft, die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen auch auf diesem Feld weiterzuentwickeln“, sagte Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Michael Harms.

Christian Himmighoffen
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft