Das Schlüsselwort heißt Produktivität

20. Januar 2012

Russland, Kasachstan und die Ukraine sind die Hoffnungsträger für die Sicherung der Welternährung / Ost-Ausschuss-Veranstaltung am 26. Januar 2012

Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung von sieben auf rund neun Milliarden Menschen anwachsen. Schon heute sind eine Milliarde Menschen nicht ausreichend mit Nahrung versorgt. Wege zur Sicherung der Welternährung aufzuzeigen, dies war auch 2012 das Ziel der Diskussionsveranstaltungen des „Global Forum for Food and Agriculture (GFFA)“ im Rahmen der Grünen Woche in Berlin.

Um etwa 70 Prozent muss die Nahrungsmittelerzeugung bis zum Jahr 2050 gesteigert werden, um alle Menschen ausreichend zu versorgen. Dies hat die Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO errechnet. Besonders große Hoffnungen ruhen dabei auf Russland, der Ukraine und Kasachstan, auf die zusammen heute rund 20 Prozent der Weltgetreideproduktion entfallen.

Auch in diesem Jahr stellte die Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft die drei Länder in den Mittelpunkt einer prominent besetzten GFFA-Veranstaltung, an der neben den zuständigen Ministern und Vizeministern aus Deutschland, Russland, der Ukraine und Kasachstan auch der Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) Thomas Mirow als Keynote-Speaker teilnahm.

Modernisierungs- und Ernährungspartnerschaft

In seiner Eröffnungsrede gab Thomas Kirchberg als Co-Vorsitzender der AG Agrarwirtschaft im Ost-Ausschuss die Richtung vor: „Nachhaltige Produktivitätssteigerung ist die Antwort zur Ernährung der Welt.“ Deshalb sei die Entwicklung einer „Modernisierungs- und Ernährungspartnerschaft“ zwischen Deutschland und den Partnerländern von hoher Bedeutung.

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner rechnete vor, dass die Flächenerträge für Getreide in der EU bei 5,2 Tonnen pro Hektar lägen. Die Ukraine (2,8 Tonnen pro Hektar) Russland (2,1 Tonnen) und Kasachstan (1 Tonne) seien davon noch deutlich entfernt. Alle drei Länder zusammen könnten mit modernen Anbaumethoden jährlich bis zu 60 Millionen Tonnen Getreide mehr erzeugen und damit einen erheblichen Beitrag zur Sicherung der Welternährung leisten. Zum Vergleich: Der Jahresertrag aller deutschen Landwirte liegt bei etwa 44 Millionen Tonnen Getreide.

Aigner wandte sich in ihrer Rede gegen Exportbeschränkungen, wie sie Russland und die Ukraine 2010 zeitweise eingeführt hatten und kündigte zugleich weitere Initiativen zur Eindämmung der Spekulation auf den internationalen Agrarterminmärkten an: „Ein gesundes Maß an Spekulation gehört dazu, denn die Märkte brauchen Liquidität. Aber zu viel ist kontraproduktiv.“

Auch Thomas Mirow warnte in seine Keynote vor Spekulationen mit Nahrungsmitteln. „Die weltweiten Vorräte, die als Puffer dienen, sind erschreckend niedrig. Je größer das Angebot ist, desto weniger lohnt es sich auf Knappheiten zu spekulieren.“ Da die Anbauflächen kaum nennenswert ausgeweitet werden könnten, sei die Steigerung der Produktivität der einzige Ausweg. „Die Ukraine und Kasachstan könnten ihre Produktivität verdoppelt, in Russland ist eine Steigerung um 60 Prozent möglich. Alle drei Länder könnten mehr als die Hälfte zur weltweit benötigten Getreideerzeugung beitragen.“

Allerdings, merkte Mirow an, seien dafür allein in der Ukraine Investitionen von 40 bis 80 Milliarden Dollar notwendig. Zwei Drittel davon müsste die Privatwirtschaft aufbringen, die dazu aber verlässliche Investitionsbedingungen benötige. Die EBRD selbst investiere stark in Landwirtschaft, Vertrieb, Logistik oder Infrastruktur in Osteuropa. Allein 900 Millionen Euro seien 2011 für günstige Kredite oder Eigenkapitalinvestitionen aufgebracht worden.

Debatte über Entwicklungshemmnisse

In der anschließenden Diskussionsrunde, die Professor Michael Schmitz von der Uni Gießen moderierte, wurde über bestehende Entwicklungshemmnisse in Russland, der Ukraine und Kasachstan diskutiert. Der ukrainische Agrarminister Mykola Prisjashnjuk bekannte dabei, dass allein in seinem Land jährlich rund sieben Millionen Tonnen Getreide durch mangelhafte Technik verlorengingen. Positiv äußerte sich Prisjashnjuk zum WTO-Beitritt seines Landes vor einigen Jahren. Dies sei ein Gewinn für die Landwirtschaft gewesen. Zuvor hatte die russische Landwirtschaftsministerin Elena Skrinnik Glückwünsche zum bevorstehenden Beitritt Ihres Landes entgegengenommen. Bezüglich des WTO-Verhandlungsergebnisses sprach Skrinnik von einer „optimalen Balance zwischen dem Schutz unserer Interessen und dem Zugang ausländischer Anbieter zu unserem Markt“.

Der russische Vize-Landwirtschaftsminister Alexander Petrikow nannte als vordringliche Aufgaben seines Ministeriums die Entwicklung einer guten Marktinfrastruktur, den Aufbau von Lagerkapazitäten, die Versicherung der Landwirte gegen Ernteausfällen, die Einführung neuer Technologien, die Diversifizierung der Landwirtschaft und die Aus- und Weiterbildung von Arbeitskräften.

Muslim Umiryayev,  Vize-Landwirtschaftminister von Kasachstan, konzentrierte sich in seinem Statement auf Infrastrukturmaßnahmen. Haupthindernis für die Entwicklung der Landwirtschaft in seinem Land sei der fehlende Zugang zum Meer. Der Ausbau der Infrastruktur sei notwendig, damit kasachische Produkte auch auf die Weltmärkte gelangen könnten. „Wir sind für jede Art von Integrationsprozess, der den freien Handel zum Ziel hat“, sagte Umiryayev und kündigte Anstrengungen seines Landes an, ebenfalls der Welthandelsorganisation beizutreten. Gleichzeitig nannte Umiryayev ähnlich wie zuvor auch seine ukrainischen und russischen Kollegen die Befürchtungen unbegründet, alle drei Länder könnten sich in einer Getreide-OPEC zusammenschließen und dadurch die Preise treiben.

Alexander Korbut, Vizepräsident der Russischen Getreide-Union, und Inna Meteleva, stellvertretende Geschäftsführerin der ukrainischen Svarog West Group, kündigten als Vertreter der Wirtschaft an, alles dafür zu tun, die Erträge zu steigern. Meteleva wünschte sich dazu einen besseren Zugang zu Kapital und Krediten. Sehr positiv äußerten sich beide Vertreter über das Engagement der deutschen Unternehmen. Schon heute nutze man deutsche Technik und erziele damit gute Erfolge.

Thomas Kirchberg regte in diesem Zusammenhang an, bei der staatlichen Förderung von Landtechnik, die nationale Brille abzunehmen: „Technologien sollten unabhängig von ihrer Herkunft bezuschusst werden, damit am Ende tatsächlich die beste Technik eingesetzt werden kann.“ 

Andreas Metz
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft