Neue Anlaufstelle für Mittelständler in Berlin

8. April 2013

Unternehmen schaffen Kontaktstelle Mittelstand Russland" im Ost-Ausschuss / Deutsch-Russischer Wirtschaftsgipfel auf der HANNOVER MESSE

Mit einer neuen Mittelstands-Initiative will der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen voranbringen: „Zum 1. Mai 2013 richtet der Ost-Ausschuss in Berlin eine „Kontaktstelle Mittelstand Russland“ ein. Diese diene "als neuer Anlaufpunkt und bietet praktische Hilfen insbesondere für deutsche Mittelständler, die sich auf dem russischen Markt engagieren wollen”, sagte der Ost-Ausschuss-Vorsitzende Eckhard Cordes zum Auftakt des Deutsch-Russischen Wirtschaftsgipfels auf der HANNOVER MESSE.

Die Kontaktstelle wird von Mitgliedsunternehmen des Ost-Ausschusses (BAUER COMP Holding GmbH, Commerzbank AG, Ernst & Young GmbH, Herrenknecht AG, Schaeffler AG, Knauf Gips KG und SAP) finanziert. Die Unternehmen unterstützen mit der Ost-Ausschuss-Initiative die Zukunft des deutschen Mittelstands in Russland, so Cordes.

„Weil die russische Wirtschaft in Schlüsselsektoren noch immer von großen staatsnahen Unternehmen geprägt ist, haben es deutsche Mittelständler häufig schwer, geeignete Ansprechpartner zu finden. Die Kontaktstelle Mittelstand soll Informationen bündeln und kleinere und mittlere Unternehmen bei ihrem Markteintritt in Russland unterstützen“, sagte der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses Rainer Lindner. Der Ost-Ausschuss füge jetzt seinen langjährigen Bemühungen um die Förderung des Mittelstandes eine operative Komponente hinzu, die allen interessierten deutschen aber auch russischen Unternehmen zur Verfügung stehe, so Lindner.

Wirtschaftsgipfel mit 400 Teilnehmern

Russland ist 2013 Partnerland der HANNOVER MESSE. An dem vom Ost-Ausschuss organisierten Wirtschaftsgipfel zum Auftakt der Messe nahmen rund 400 Unternehmensvertreter aus Deutschland und Russland teil. Zu den Rednern gehörten neben Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler und dem russischen Minister für Industrie und Handel Denis Manturow auch Siemens-Vorstandsvorsitzender Peter Löscher, E.ON-Vorstandsmitglied Bernhard Reutersberg, Nikolaus Knauf (Vorsitzender des Gesellschafterausschusses der Knauf Gruppe), Georg Graf Waldersee (Deutschlandchef von Ernst&Young) sowie aus Rusland Dmitry Pumpyansky (CEO TMK/Sinara Group), Oleg Sienko (Generealdirektor UralVagon Zavod), Andrey Scharonov (Stellvertretender Bürgermeister der Stadt Moskau) und Oleg Preksin, Vize-Präsident des Unternehmerverbandes RSPP und B20-Sherpa.

Im Hinblick auf den gerade vollzogenen Beitritt Russlands zur WTO stand die Frage nach einer weiteren Öffnung und Verknüpfung des russischen und europäischen Marktes im Mittelpunkt der Debatten. Der Ost-Ausschuss-Vorsitzende Cordes regte dabei baldige Verhandlungen zu einer Freihandelszone zwischen der EU und Russland an: „Wir sind Nachbarn, die europäische und die russische Wirtschaft ergänzen sich auf hervorragende Weise. Wir sollten uns endlich wieder ambitionierte Ziele setzen und über eine gemeinsame Freihandelszone reden.“ Diese Forderung wurde in der Diskussion von Siemens-Vorstandschef Löscher unterstrichen: „Wir sollten die Entwicklung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums vorantreiben."

Bundeswirtschaftsminister Rösler richtete in seiner Rede den Blick über die Hauptstadt Moskau hinaus auf die russischen Regionen. Dort wünsche sich die deutsche Wirtschaft gerade beim Thema Rechtsstaatlichkeit noch stärkere Unterstützung.  „Was auf zentraler Ebene erreicht wurde, muss sich in der kleinsten Region vor Ort fortsetzen." Rösler betonte auch, dass „unternehmerische Freiheiten und gesellschaftliche Freiheiten" zusammengehörten. Beides müsse in Russland weiterentwickelt werden. Zudem plädierte der Bundeswirtschaftsminister für die weitere Einbindung Russlands in die Weltwirtschaft. Wenn es gelungen sei, dass Russland nach 19-jährigen Verhandlungen WTO-Mitglied geworden sei, dann müsse dieser Beitritt nun auch gelebt werden. Zollerhöhungen von 27 Prozent auf Landmaschinen würden dagegen gerade erworbenes Vertrauen aufs Spiel setzen.

Der russische Industrieminister Manturov ging auf die geäußerte Kritik nicht ein, stattdessen lobte er die deutsche Wirtschaft.  „Deutschland ist der Schlüsselpartner Russlands und das Bollwerk der Stabilität in Europa." Die russische Regierung wolle die Wirtschaft des Landes bis 2030 durch fünf große staatliche Förderprogramme insbesondere in den Feldern Flugzeugbau, Schiffbau,  Kommunikationstechnologie, Pharmazie und Medizin modernisieren. Dazu wolle man die besten ausländischen Technologien gewinnen. Deutsche Unternehmen lud Manturov ein, ihr Engagement in Russland zu verstärken.  

Fortschritte in Visa-Fragen

Zu den Forderungen der deutschen Wirtschaft auf dem Wirtschaftsgipfel zählte auch die Abschaffung der Visa-Pflicht in Europa. „Wir spüren in dieser Frage derzeit viel Rückenwind“, sagte Cordes und dankte in diesem Zusammenhang dem Bundewirtschaftsminister für seine Initiative, in Deutschland einen Runden Tisch zu Visa-Fragen ins Leben zu rufen. Auch der Aufbau von Visa-Annahmezentren in Russland und das bevorstehende Visa-Erleichterungsabkommen zwischen Russland und der EU seien positive Entwicklungen. „Diese Verbesserungen sind gut und wichtig, die völlige Abschaffung der Visa-Pflicht ist besser - für die Wirtschaft, den Tourismus und für die Zivilgesellschaft“. Die Visa-Pflicht in Europa behindere geschäftliche Aktivitäten und verursache reine Bürokratiekosten von rund einer Milliarde Euro – Jahr für Jahr. „Dieses Geld sollten wir besser für mehr Wachstum in Europa investieren“, sagte Cordes.

Im Energiebereich gibt es traditionell sehr enge Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Dass diese derzeit einem erheblichen Wandel ausgesetzt sind, wurde in der anschließenden Diskussion deutlich. Bernhard Reutersberg, Vorstandsmitglied der E.ON SE und Sprecher des Arbeitskreises Russland im Ost-Ausschuss beschrieb die erheblichen Marktveränderungen, die es im Erdgasbereich derzeit gibt. Durch das 3. Binnenmarktpaket der EU, aber auch durch die Shale-Gas-Revolution in den USA sei ein liberalisierter Markt und ein intensiverer Wettbewerb entstanden. „Langfristige Lieferverträge werden sich an diese Dynamiken anpassen müssen."

Im Rahmen des Wirtschaftsgipfels wurden vier deutsch-russische Verträge unterzeichnet. Beteiligt waren unter anderem die Siemens AG, Nordic Yards Wismar GmbH und Bombardier Transportation GmbH.

Allein aus Russland präsentierten sich in diesem Jahr über 170 Unternehmen auf der HANNOVER MESSE. Das ist die größere Präsentation der russischen Wirtschaft, die es im westlichen Ausland bislang gegeben hat. In der Liste der wichtigsten Abnehmer deutscher Exporte rangiert Russland an Position elf. Als Lieferland ist es wegen der hohen Bedeutung von Öl und Gas für Deutschland sogar an Position sieben platziert. 2012 erreichte der deutsch-russische Handel einen Umfang von  80,5 Milliarden Euro und damit einen neuen Rekord.

Andreas Metz
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft