Reise nach Kosovo

8. Oktober 2013

Herausforderungen für das jüngste Land Europas 

Am 8. und 9. Oktober 2013 reiste der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses Rainer Lindner zu Gesprächen mit Regierungs- und Wirtschaftsvertretern nach Prishtina. Ziel war es, sich in den Gesprächen über die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage des Landes zu informieren und Möglichkeiten zur Intensivierung der deutsch-kosovarischen Wirtschaftsbeziehungen zu erörtern. Der Handel zwischen Kosovo und Deutschland erreichte 2012 ein Volumen von insgesamt 170 Millionen Euro und stieg damit leicht um 1,45 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Bisher sind nur wenige deutsche Unternehmen vor Ort aktiv. 

Kosovo – der jüngste Staat Europas mit der jüngsten Bevölkerung – steht zweifellos vor großen Herausforderungen. Fast 60 Prozent der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt und zugleich liegt die Arbeitslosigkeit dieser Altersgruppe bei fast 70 Prozent. Mindestens 40.000 junge Menschen drängen pro Jahr auf den Arbeitsmarkt, der nach Expertenschätzungen aber derzeit nicht mehr als 2.500 Arbeitsplätze pro Jahr zusätzlich bieten kann. Somit sind die Schaffung von Arbeitsplätzen und damit die wirtschaftliche Entwicklung des Landes die drängendsten Themen dieser Tage. Dies unterstrich auch der Präsident der Wirtschaftskammer Kosovos Safet Gerxhaliu in seinem Gespräch mit Lindner und dankte für die langjährige Unterstützung der Kammer durch den Ost-Ausschuss. Wichtig sei es, noch intensiver daran zu arbeiten, potentielle Investoren für das Land zu interessieren und die Außenhandelsbalance des Landes zu optimieren. Derzeit übersteigen die Importe von Waren massiv die Exporte. Um sich als Investitions-standort zu empfehlen, wolle man verstärkt auf die Organisation von Unternehmensdelegationen nach Kosovo setzen. 

In den vergangenen Jahren hat der Nachbarschaftsstreit mit Serbien wichtige Kapazitäten gebunden, die man für die Umsetzung notwendiger Reformen hätte einsetzen können. Mit der Unterzeichnung des Implementierungsabkommens im April dieses Jahres ist ein wichtiger Schritt getan, sich den Realitäten zu stellen und die Zusammenarbeit zu verbessern . So steht die Wirtschaftskammer des Kosovo im Dialog mit Vertretern der serbischen Wirtschaftskammer und ist sehr daran interessiert, die praktischen Hindernisse der wirtschaftlichen Koopera¬tion zwischen den Ländern anzusprechen und zu beseitigen. Auch auf politischer Ebene setzt man auf den Dialog mit Belgrad. Dies unterstrich Präsidentin Atifete Jahjaga im Gespräch mit Lindner und betonte, dass der Weg der Europäischen Integration für das Land alternativlos sei. 

Ähnlich formulierte dies auch Premierminister Hasim Thaci. Man bereite sich derzeit intensiv auf die anstehenden Verhandlungen zum Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen (SAA) mit der Europäischen Union vor (die bei positiver Bewertung des Dialogs mit Belgrad auf dem November-Gipfel in Vilnius im Januar beginnen sollen) und sei bei der Umsetzung der Roadmap zur VisaLiberalisierung aktiv. Als zentrale Themen für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sieht Thaci die Verbesserung der Straßeninfrastruktur, aber auch der Energieversorgung. 

Auch in den Gesprächen mit Außenminister Enver Hoxhaj und der Ministerin für Europäische Integration Vlora Citaku sowie dem Minister für wirtschaftliche Entwicklung Fadil Ismajli ging es um die anstehenden Verhandlungen zu SAA und die damit verbundenen Perspektiven der wirtschaftlichen Entwicklung, aber auch ganz konkreter Projekte. In allen Gesprächen kam man darin überein, dass ein wesentlicher Schritt für die Integration des Landes die Visa-Liberalisierung ist – gerade für die Jugend des Kosovo ist die Perspektive des Reisens und damit die Möglichkeit, Erfahrungen im Ausland zu sammeln, dort zu lernen, um dann zurückzukehren, von zentraler Bedeutung. 

Anja Quiring
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft