„Signal der Hoffnung“

22. September 2009

Deutsche Wirtschaftsdelegation besucht Georgien und Armenien

Im Rahmen der Außenwirtschaftsförderung der Bundesregierung veranstaltete das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) im September eine Exkursion nach Georgien und Armenien. Die Reise wurde von der COMMIT GmbH organisiert und durch den Ost-Ausschuss unterstützt. Unter Leitung des BMWi flogen mehr als 20 Unternehmensvertreter in die beiden südkaukasischen Republiken. Ziel war es, Informationen über Geschäftsklima und Geschäftsmöglichkeiten zu sammeln und Kontakte auf- und auszubauen. Der Besuch der deutschen Delegation in Georgien fand parallel zum 1. Deutschen Wirtschaftstag statt, den die junge Deutsche Wirtschaftsvereinigung Georgien (DWVG) veranstaltete. Der neue georgische Minister für wirtschaftliche Entwicklung Surab Pololikashvili sah darin ein „Signal der Hoffnung“ für die deutsch-georgischen Beziehungen.
 

Auf den ersten Blick haben Georgien und Armenien große Ähnlichkeiten. Beide bilden einen kleinen Markt (4,4 Millionen Einwohner in Georgien, 3,2 Millionen Einwohner in Armenien). In beiden Ländern bestehen trotz erheblicher Fortschritte weiterhin komplizierte Geschäftsbedingungen. Die Hauptstädte Georgiens und Armeniens vereinen einen großen Teil der Landesbevölkerung. Beide Länder haben aufgrund innerer oder äußerer Konflikte ein großes Flüchtlingsproblem. Typisch ist auch ein geringes internes Akkumulationspotenzial für Investitionen. Entsprechend groß ist die Rolle internationaler Finanzinstitutionen. Denn weder Georgien noch Armenien verfügen über bedeutende Rohstoffvorkommen, die als Motor für eine Modernisierung der Wirtschaft genutzt werden könnten. Beide Länder sind auch Partner im Rahmen der „Östlichen Partnerschaft“ der EU. Damit wird die engere Anbindung an die EU gefördert und für größere Stabilität in der Region gesorgt.

Auf den zweiten Blick bestehen zwischen beiden Ländern aber auch große Unterschiede: Georgien etabliert sich als Transitland für Energierohstoffe aus der zentralasiatisch-kaspischen Region nach Europa. Armenien ist aufgrund geschlossener Grenzen zur Türkei und zu Aserbaidschan dagegen mit einem Transportproblem konfrontiert. Diesen logistischen Mangel versucht das Land über die Entwicklung von Wissenschaft und Bildung zu kompensieren.

Das wirtschaftliche Potenzial Georgiens

Seit der Rosenrevolution 2003 hat Georgien seine Wirtschaft stark reformiert. Im „Doing Business Report 2007“ der Weltbank wurde das Land zum Reformer Nummer 1 weltweit gewählt. Im gleichen Bericht 2010 wurde Georgien erneut Top-Reformer in Osteuropa und Zentralasien. In der Gesamtliste rangiert das Land jetzt auf dem 11. Platz der Länder mit den besten Möglichkeiten zur Geschäftsentwicklung. Ausschlaggebend dafür waren unter anderem die liberalisierte Steuergesetzgebung, eine Zollreform, ein modernisiertes System von Lizenzen und Genehmigungen, eine der liberalsten Arbeitsgesetzgebungen der Welt sowie die Zurückdrängung der Korruption, insbesondere der Kleinkorruption.

2008 geriet Georgien gleich von zwei Seiten unter Druck – durch den russisch-georgischen Krieg und durch die Folgen der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise. Wuchs das BIP 2007 noch um 12,4 Prozent, so reduzierte es sich 2008 auf 2,1 Prozent. 2009 wird ein negatives Wachstum prognostiziert.

Nach internen Konflikten normalisiert sich inzwischen der Umgang zwischen Regierung und Opposition. Nach dem Krieg erhielt Georgien wirtschaftlich eine Chance durch einen internationalen Geberkredit in Höhe von etwa 4,5 Milliarden US-Dollar. Das Land plant die Errichtung eines Freihafens in Poti. Auch die Nutzung der „kleinen Wasserkraft“ sowie der erneuerbaren Energien und die Errichtung eines Energieverbundes mit der Türkei stehen im Fokus der Regierung. In den Beziehungen zu Russland trennt die georgische Regierung Politik und Wirtschaft und versucht auf letzterem Gebiet sachliche Beziehungen zu pflegen. Der georgische Bankensektor ist schwach entwickelt. In der aktuellen Finanzkrise wurden 90 Prozent der Kreditvergabe eingestellt. Aktuell ist eine positive Entwicklung in diesem Bereich erkennbar. Positive Entwicklungen gibt es auch im Tourismus.

Deutschland war 2008 mit knapp 360 Millionen Euro Handelsumsatz größter europäischer Handelspartner Georgiens und insgesamt viertgrößter Handelspartner des Landes (nach der Türkei, Aserbaidschan und der Ukraine). In den ersten vier Monaten 2009 brach der bilaterale Handelsverkehr mit Georgien um fast 50 Prozent ein. Der deutsche Import aus Georgien ging von 23,5 Millionen auf 5,7 Millionen Euro um über drei Viertel zurück, während der Export von 90 Millionen auf 51 Millionen Euro um 43 Prozent einbrach.

Das wirtschaftliche Potenzial Armeniens

Armenien konnte vor der Wirtschafts- und Finanzkrise mit hohen Wirtschaftswachstumszahlen beeindrucken. Über die Hälfte des BIP-Wachstums wurde 2008 in den Bereichen Bauindustrie sowie Handel, Dienstleistungen, Gastronomie und Transport erwirtschaftet. Durch die internationale Wirtschaftskrise wurden insbesondere diese beiden Sektoren in Mitleidenschaft gezogen, was zu einem zu erwartenden BIP-Einbruch in diesem Jahr um bis zu 18 Prozent führt. Das Antikrisenprogramm der Regierung in Yerevan orientiert in erster Linie auf die Förderung von Bildung, Wissenschaft und Technologien. Besonders gefördert werden die Branchen Bergbau und Chemie, Feinchemie, Pharmazie, IT/TK, die Juwelierindustrie, Tourismus, Gesundheitswirtschaft, Landwirtschaft und Nahrungsmittelverarbeitung sowie Energieerzeugung.

Aktuelle Projekte im Infrastrukturbereich sind ein Nord-Süd-Straßenkorridor, für den zukünftig auch eine parallele Eisenbahnlinie vorgesehen ist, die Rekonstruktion von Erdbebenzonen (insbesondere im Gebiet Gumri) sowie der Bau einer Eisenbahnverbindung in den Iran.

Nach Einschätzung des EBRD-Vertreters in Armenien Valeriu Razlog hat das Land besonderes Potenzial für kleine und mittlere Unternehmen. Hierbei sieht die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) besondere Chancen in den Bereichen Obstverarbeitung, IT/TK, Tourismus, erneuerbare Energien sowie Innovationen und Know-how-Transfer in allen Industriesektoren.

Deutschland exportierte im Jahr 2008 Waren und Dienstleistungen von über 100 Millionen Euro nach Armenien und bezog Waren für knapp 135 Millionen Euro aus dem Land. In den ersten vier Monaten 2009 ging der Import aus Armenien um 37 Prozent zurück, während der deutsche Export um 91 Prozent stieg, was insgesamt zu einem Wachstum im Handelsumfang um 18,7 Prozent führte.

Die Reise des BMWi verdeutlichte, dass die Entwicklung beider Länder von deutschen Unternehmen aufmerksam beobachtet werden sollte, da sich zunehmend interessante Geschäftschancen eröffnen. Beide Länder sind sehr an Wirtschaftsbeziehungen zu ausländischen Unternehmen interessiert und dafür durchaus bereit, entsprechende Veränderungen im Lande vorzunehmen.

Dr. Martin Hoffmann
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft