Wirtschaftskrise und neue Chancen in Zentralasien

20. November 2009

Ost-Ausschuss führt Unternehmerdelegation nach Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan

Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft führte eine zwölfköpfige Wirtschaftsdelegation auf einer dreitägigen Reise durch Zentralasien. Die Gespräche mit den Regierungen in Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan standen im Zeichen der Modernisierung der Volkswirtschaften, der Abstimmung zu neuen Investitions- und Kooperationsprojekten vor allem im Bereich Projektfinanzierung, Infrastrukturentwicklung, Maschinen- und Anlagenbau sowie der Nachwuchsförderung.
 

In zahlreichen Gesprächen, darunter mit dem Premierminister Kasachstans Massimov, dem Außenwirtschaftsminister Usbekistans Ganiew und dem Staatspräsidenenten Turkmenistans Berdymuchamedow zeigt sich: Zentralasien ist keine homogene Region. Die unter deutscher Präsidentschaft beförderte Zentralasienstrategie der EU wird im Zeichen der Wirtschafts- und Finanzkrise künftig stärker als Fünf-Länder-Strategie entwickelt werden müssen. Die Staaten haben völlig unterschiedlich auf die Krise reagiert. Der Ost-Ausschuss hat in Kasachstan Themen wie die Zollunion mit Russland und Belarus, in Usbekistan die neuen Chancen der Automobilindustrie und in Turkmenistan die Chancen der Nabucco-Pipeline aufgegriffen.

Kasachstan – Wirtschaftskrise und neue internationale Verantwortung

In den Gesprächen mit der Regierung in Astana regte der Vorsitzende des Ost-Ausschusses, Prof. Dr. Mangold, die Durchführung eines Energieforums im Frühjahr 2010 an. Ziel der Veranstaltung sollte es sein, die Wertschöpfung in der kasachischen Wirtschaft im Energiebereich zu vertiefen und die Abhängigkeit von Öl- und Gasindustrie schrittweise zu verringern. Noch werden 65 Prozent der Exporte im Öl und Gas erwirtschaftet. Die Regierung in Astana begrüßte den Vorschlag und sprach sich zugleich für eine Modernisierung der kasachischen Energie¬wirtschaft und ausländische Investitionen im Energiebereich aus. Kasachstan muss erheblich in die Modernisierung seiner Wirtschaft investieren. Im Zentrum stehen Energiewirtschaft, Metallindustrie, Landwirtschaft, Transport/Logistik, Maschinenbau und chemische Industrie.

Doch vorläufig überwiegen Finanzprobleme. Die an der Delegationsreise beteiligten Bankenvertreter ließen gegenüber der kasachischen Regierung keinen Zweifel daran, dass Hermes weiterhin ein entscheidendes Instrument für Finanzierung im Handel angesichts geplanter Modernisierungsprojekte bleiben müsse. Hermes-Deckungen sollten daher von den Umschuldungsplänen der Regierung ausgenommen werden. Die Ost-Ausschuss-Delegation stärkte in ihren Gesprächen die Position der Steering committees der Gläubiger der betroffenen kasachischen Banken. Die Zollunion zwischen Kasachstan, Russland und Belarus ist zwar beschlossene Sache, doch  auch in Kasachstan keineswegs unumstritten; offen ist bislang die Frage, ob Produkte, die aus Russland bezogen und weiterverkauft werden, mit einem Einfuhrzoll belegt werden dürfen. Premierminister Massimow machte deutlich, dass vor allem die Konkurrenzfähigkeit der eigenen Produkte erweitert werden müsse, ehe eine Zollunion beschlossen werde. Zugleich bleibe die WTO-Mitgliedschaft für Kasachstan eine Priorität. Die Abtrennung vom russischen und belarussischen WTO-Prozess war aus Sicht der deutschen Wirtschaft ein wichtiger Schritt. Mit der angestrebten WTO-Mitgliedschaft werde die internationale Position Kasachstans gestärkt, ebenso wie durch den OSZE-Vorsitz 2010. Die Ambitionen Astanas sind groß: zehn Jahre nach dem letzten OSZE-Gipfel in Istanbul möchte Kasachstan eigene neue Akzente im Rahmen der OSZE setzen. Nach Ansicht Massimows bieten sich durch die neue internationale Verantwortung seines Landes auch erhebliche Investitionschancen für die internationale Wirtschaft.

Usbekistan – Krisenmanagement durch neue Chancen für Investoren

Usbekistan wurde von der Krise bislang weniger getroffen als der Nachbar Kasachstan. Ein geringerer Globalisierungsgrad der Finanzströme ließ einzelnen Länder in Mittelost- und Osteuropa bislang leichter die Wirtschafts- und Finanzkrise überstehen. Selbst für 2009 wird auch von Weltbank und IWF für Usbekistan mit einem Wachstum von etwa acht Prozent gerechnet. Bemerkenswert ist, wie stark das Land seine Exporte diversifizieren konnte. War Usbekistan 1991 bei seinen Exporten noch zu 70 Prozent von Baumwoll- und Baumwollprodukten abhängig, kommt dieser Wirtschaftszweig 2008 nur noch auf acht Prozent. Inzwischen hat sich die Automobilindustrie stark entwickelt; vor allem der nationale und der russische Markt sind vorläufig stabile Abnehmer von PKW und Kleinbussen eigener Herstellung. In der Perspektive sollen jedoch auch stärker internationale, darunter deutsche Automobilhersteller auf dem usbekischen Markt neu einsteigen. Gerade bei den Investitionsbedingungen hat die Regierung nachgearbeitet, nicht zuletzt, um einen Imagegewinn bei ausländischen Partnern zu erzielen. Die Aufhebung der politischen EU-Sanktionen gegen Usbekistan im Oktober 2009 eröffnet hier zusätzliche Möglichkeiten. Nach Aussage des Ministers für Außenwirtschaftsbeziehungen, Handel und Investitionen Ganiev setze das Land derzeit ein Modernisierungsprogramm im Umfang von 43 MIlliarden US-Dollar im Zeitraum 2009 bis 2011 um.
Interessant für die deutschen Wirtschaftspartner könnte nicht zuletzt die Freie Wirtschaftszone (FWZ)  „Navoi“ sein, die immerhin mit einer Fläche von 650 Hektar Investoren erstklassige Möglichkeiten zum Marktzugang zu zwölf Partner-Staaten der FWZ bietet. Der Ost-Ausschuss schlug daher vor, das Projekt zusammen mit der usbekischen Regierung bei nächster Gelegenheit in Deutschland vorstellen zu wollen. Usbekistan plant beispielsweise in den nächsten Jahren den Neu- und Ausbau von 1500 Kilometer Straßen und Autobahnen. Zudem soll die usbekische Luftfahrtindustrie entwickelt werden, wie der Kauf mehrerer Airbus- und Boeing-Flugzeuge im Herbst 2009 eindrucksvoll zeigt. Von besonderem Interesse ist für Taschkent die Entwicklung eines Manager- und Ingenieursnachwuchses; die deutsche Wirtschaft sprach sich dafür aus, die Ausbildung junger usbekischer Ingenieure künftig noch stärker zu unterstützen.
Usbekistan ist noch heute Teil des Mythos Seidenstraße. Samarkand, Taschkent und Buchara sind noch immer viel besuchte Tourismus-Ziele europäischer Privatreisender. Wenn die Infrastrukturprojekte umgesetzt werden, könnten die usbekischen Städte in der Perspektive womöglich an einer neuen Seidenstraße liegen, die erneut den Handel zwischen den Kontinenten verbindet. Auch auf dem Gewürzmarkt von Taschkent wird deutlich: die Handelstraditionen in Usbekistan leben fort.

Turkmenistan – Modernisierung und Diversifizierung der Wirtschaft

Im Gespräch mit der deutschen Wirtschaftsdelegation in Turkmenistan sprach Wirtschaftsminister Dschaparow von guten Aussichten für die kommenden Jahre. 300 Prozent Wachstum seien im vergangenen Jahr allein in der Bauindustrie erzielt worden. Ein Drittel aller Investitionen in seinem Land stammten aus dem Ausland. Energieprojekte wie das Engagement von RWE zeigten, dass insbesondere im Bereich der Erdgasförderung auch für die deutsche Wirtschaft gut Chancen bestünden. Im Gegensatz zu Berichten über ein Gasdefizit für Nabucco berichtete der Minister von neuen Erdgaslagerstätten, die nötigenfalls ausreichten die Nabucco-Pipeline allein mit turkmenischem Gas zu speisen. Inzwischen gehe die Regierung von 16 Trillionen Kubikmeter Erdgasvorkommen aus; 4 Trillionen seien bereits von internationalen Agenturen bestätigt worden. Große Hoffnungen setzt das Land neben Gasleitungen, die derzeit eher in Richtung China als in Richtung Europa errichtet werden, auf LNG-Projekte. Sogar an den Export von Elektroenergie denkt die Regierung in Ashgabad, die ihrer Bevölkerung vorläufig noch immer Elektrizität und Gas kostenlos zur Verfügung stellt.
Die Hoffnungen, die die Regierung auf die Textilindustrie, die chemische Industrie und die Düngemittelproduktion setzt, werden getrübt durch die Tatsache, dass noch zu wenig Know-how im Land konzentriert ist. Sinnvoll könnte nach dem Vorschlag des Ost-Ausschusses eine Präsentation der deutschen Wirtschaft in Ashgabad (inbesondere im Bereich Chemie und Anlagenbau) sein. Womöglich ließen sich die in Turkmenistan verbreiteten Vorbehalte zerstreuen, die deutsche Wirtschaft und ihre Produkte seien zu teuer. Prof. Mangold argumentierte nicht nur mit der Qualität der Produkte aus Deutschland, sondern bot dem Präsidenten Berdymuchamedow im Gespräch die konkrete Unterstützung der deutschen Wirtschaft bei der  Managerausbildung im Bereich Finanzen und Industrie an. Dies sei eine gute Ergänzung zu den bereits 100 Projekten mit deutschen Investitionen, die derzeit in Turkmenistan umgesetzt werden.

Die Delegationsreise in den Kaspischen Raum war eine Bestandsaufnahme der deutschen Wirtschaft. Die Zentralasienstrategie der EU (bis 2013 mit 750 Millionen Euro für fünf Länder ausgestattet) muss flankiert werden vom bilateralen Engagement Deutschlands. Im Kern geht es um Technologietransfer, Ausbildung, Finanzierung und Diversifizierung. Die Länder der Region stehen vor einem großen wirtschaftlichen Boom, umworben von China, der EU und Russland gleichermaßen, aber auch vor neuer internationaler Verantwortung, etwa Kasachstans im Rahmen der OSZE oder Usbekistans (wie auch Tadschikistans) an der Sicherheitsgrenze zu Afghanistan. Es wird von den wirtschaftlichen Angeboten und von der Nachhaltigkeit unseres Engagements abhängen, ob damit ein Beitrag zur wirtschaftlichen Modernisierung Zentralasiens geleistet werden kann.

Prof. Dr. Rainer Lindner
Geschäftsführer des Ost-Ausschusses