Annäherung an neuem Ort

18. Juni 2016

Zahlreiche internationale Teilnehmer beim St. Petersburger Wirtschaftsforum/ Ost-Ausschuss organisierte Diskussion zu Industrie 4.0

Das diesjährige Internationale Wirtschaftsforum St. Petersburg (SPIEF) fand Mitte Juni im neuen, hochmodernen ExpoForum Convention Centre nahe des St. Petersburger Flughafens statt – nicht nur ein neuer Ort, sondern auch eine neue Annäherung in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen kennzeichneten das Forum. Der Ost-Ausschuss lud zu einer Diskussion über die Digitalisierung der Industrie.

Das Petersburger Wirtschaftsforum findet bereits seit 20 Jahren statt. Diesmal kamen laut Veranstalter rund 600 russische und 500 ausländische Konzernvertreter aus 60 Staaten – zwei Drittel mehr als noch ein Jahr zuvor. Nicht nur die gesamte russische Wirtschaftselite nahm an Russlands wichtigster Wirtschaftsveranstaltung teil, auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und EU-Kommissar Günther Oettinger kamen in diesem Jahr an die Newa. Ehrengast war Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi. Dies war insofern bemerkenswert, als hochrangige EU-Politiker in den vergangenen zwei Jahren aufgrund der Ukraine-Krise dem Forum ferngeblieben waren.

Obgleich die EU nach wie vor der zentrale Handelspartner Russlands ist, kündigte Putin auf dem Forum eine neue Allianz mit China an: Es sei geplant, „im Juni gemeinsam mit unseren chinesischen Partnern die Verhandlungen zur Schaffung einer umfassenden Handels- und Wirtschaftspartnerschaft“ zwischen der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) und China offiziell zu starten, sagte Putin.

Neue Geschäftsmodelle

Der Ost-Ausschuss organisierte in diesem Jahr eine deutsch-russische Podiumsdiskussion zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der russischen und deutschen Industrie mittels Kooperationen bei Industrie-4.0-Anwendungen. Das Thema ist gerade für Deutschland als Wirtschafts- und Innovationsstandort von zentraler Bedeutung und bietet enorme Potenziale: Rund 15 Millionen Arbeitsplätze hängen direkt und indirekt von der produzierenden Wirtschaft ab. Auch für die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland eröffnet sich ein weites Feld für neue Kooperationen, das auf dem Panel in St. Petersburg erörtert wurde. Diskutiert wurde, dass sich mit der Digitalisierung von Industrie und Wirtschaft nicht nur Wertschöpfungsprozesse verändern, sondern auch neue Geschäftsmodelle entstehen sowie neue Perspektiven für Beschäftigte. Dies betrifft alle Branchen der Wirtschaft. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen bieten intelligente, digitale Produktionsverfahren große Chancen.

An der Podiumsdiskussion nahm auch EU-Kommissar Oettinger teil, der sich für eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen der EU und Russland beim Thema Digitalisierung einsetzte und die Notwendigkeit der Abstimmung zwischen der EU und Russland hinsichtlich der Standards betonte. Oettinger führte aus, dass die Welt an der Schwelle zu ähnlichen Veränderungen stehe wie sie einst der Buchdruck oder die Erfindung von Elektrizität und Automatisierung mit sich gebracht habe. Bislang habe die digitale Revolution im IT- und Telekommunikationsbereich stattgefunden. Nun jedoch weite sie sich auf alle Branchen aus. Bislang seien hier vor allem US-Firmen führend – eine verstärkte Kooperation russischer und deutscher Unternehmen könne helfen, diese Schieflage zu lösen.

Der russische stellvertretende Industrieminister Alexander Morozow merkte an, dass deutsche Unternehmen in Russland die größte ausländische Unternehmensgruppe bildeten. Trotz der Sanktionen und der Handelsrückgänge sei das Interesse am russischen Markt ungebrochen. Als Beispiel führte er die Firma Claas an, die auf dem Wirtschaftsforum als erstes ausländisches Unternehmen einen Sonderinvestitionsvertrag unterzeichnete, nach dem das deutsche Unternehmen seine Produktion in Russland ausweiten und verstärkt lokalisieren wird.

Russischer Nachholbedarf wächst

„Technologien verändern die Welt um uns herum fundamental“, sagte Alexej Mordaschow, Vorstandsvorsitzender von Severstal: Wer das zu nutzen weiß, wird in diesem Wettbewerb bestehen, wer nicht, verliert“. Problematisch sei, dass die Informationstechnologien lediglich einen Anteil von 2,5 Prozent an Russlands Wirtschaftsleistung hätten. In der EU seien es fünf, in den USA sechs Prozent. Mordaschow befürchtet, dass „der technologische Nachholbedarf Russlands gegenüber Europa von fünf bis sechs Jahren zu einem Rückstand von 15 bis 20 Jahren anzuwachsen droht“. Vor diesem Hintergrund hätten aber Russland und Deutschland ein großes Kooperationspotenzial, da Deutschland bei Industrieausrüstungen nach wie vor stark sei und auch bei Hochtechnologien Weltmarktführer bleibe.

Von deutscher Seite nahm an der Podiumsdiskussion der Ost-Ausschuss-Vorsitzende Wolfgang Büchele teil. Moderiert wurde die Paneldiskussion vom ehemaligen Ost-Ausschuss-Vorsitzenden Klaus Mangold.

Dr. Christiane Schuchart
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft