Finanzkrise und Preisverfall bei Getreide als Belastungstest

15. Januar 2009

Aktuelle Entwicklung der Agrar- und Ernährungswirtschaft in Russland und der Ukraine

Die andauernde Finanzkrise belastet seit dem Herbst 2008 deutlich die Volkswirtschaften in Mittel- und Osteuropa. Da Russland etwa 90 Prozent der Exporteinnahmen durch Rohstoffe oder Produkte erster Verarbeitung erzielt und die Ukraine allein aus dem Stahlhandel 42 Prozent ihrer Exorteinnahmen bezieht, sind die beiden Volkswirtschaften vom starken Rückgang der Rohstoffpreise und der sinkenden Nachfrage nach Stahlprodukten besonders betroffen.

Während Russland durch die ehemals hohen Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt beeindruckende Devisenreserven von über 550 Milliarden US-Dollar anlegen konnte, die in ihrem Umfang nur von China und Japan übertroffen werden, verfügte die Ukraine nicht über ausreichende Rücklagen und musste ein finanzielles Hilfspaket vom Internationalen Währungsfond in Höhe von 16,5 Milliarden US-Dollar und einen Kredit von der Weltbank in Höhe von 500 Millionen US-Dollar annehmen, um den Finanzsektor zu entlasten. Erschwerend kommt die politische Instabilität in der Ukraine hinzu, die in der Auflösung der Verchovna Rada durch Präsident Viktor Juschtschenko am 8. Oktober 2008 ihren Höhepunkt fand. Dennoch konnte ein für den IWF-Kredit notwendiges Gesetzespaket zum Schutz vor negativen Auswirkungen der Finanzkrise vom Parlament verabschiedet werden. Aktuell deutet sich eine Neuauflage der Orangen Koalition an, deren Stabilität aber weiterhin fraglich ist.

Aber auch in Russland zeichnet sich ein Defizit im Staatshaushalt 2009 ab und Experten gehen von einem deutlich gebremsten Wirtschaftswachstum von etwa drei Prozent für 2009 aus. Für wie bedeutend die russische Führung staatliche Maßnahmen in Zeiten der Finanzkrise hält, ist an der Größe des finanziellen Hilfspakets abzulesen, das etwa 13 Prozent des BIP Russlands entspricht. Sowohl die Ukraine wie auch Russland sind aber stark auf die wirtschaftliche Erholung in den Abnehmerländern ihrer Rohstoffe angewiesen, um selbst einen Weg aus der Wirtschaftskrise zu finden. Selbst wenn die weltweite Finanzkrise innerhalb des kommenden Jahres abflauen sollte, werden die osteuropäische Länder voraussichtlich länger für die Überwindung der Wirtschaftskrise benötigen als manche Mitgliedsstaaten der EU oder die USA.

Rekordernte 2008 lässt Preise sinken

Sowohl in Russland (100 Millionen Tonnen) als auch in der Ukraine (55 Millionen Tonnen) konnte 2008 eine Rekordernte bei Getreide erzielt werden. Aufgrund der weltweit sehr guten Ernten halbierte sich im Herbst 2008 der Weltmarktpreis, so dass trotz der staatlichen Interventionen auf dem Getreidemarkt der Preis zeitweise unter die Rentabilitätsgrenze sank. Vor diesem Hintergrund haben  viele landwirtschaftliche Produzenten in diesen Ländern mit Liquiditätsengpässen zu kämpfen.

Um den Export von Getreide zu stimulieren und damit die angespannte Situation auf dem Markt zu entspannen, kündigte Russlands Präsident Dmitri Medwedew die Verkürzung der Mehrwertsteuerrückzahlung beim Export auf 30 Tage an. Darüber hinaus prüft die russische Regierung die Möglichkeit, durch Exportsubventionen und der Senkung der Transport- und Hafengebühren den Export zusätzlich zu stimulieren. Diese Maßnahmen sollen dazu beitragen, Anfang 2009 mindestens zehn Millionen Tonnen Getreide zu exportieren, um damit den Binnenmarkt zu stabilisieren.

Entwicklung der Landwirtschaft hat politische Priorität

Unter der Leitung des russischen Landwirtschaftsministers Alexej Gordeew wurde eine Antikrisen-Arbeitsgruppe für den agroindustriellen Komplex eingerichtet, in der neben Branchenvertretern auch führende russische Banken mitarbeiten. Ziel der Arbeitsgruppe ist es, die Entwicklung der Finanzkrise für den Agrar- und Ernährungssektor zu bewerten. Nach Aussagen des russischen Vizepremiers Viktor Subkow sollen die russischen Banken im Jahr 2009 landwirtschaftlichen Betrieben Kredite in Höhe von 25 Milliarden Euro zur Verfügung stellen können. Für die laufenden saisonalen Arbeiten will die russische Regierung zusätzlich sechs Milliarden Euro bereit stellen. Für die Vergabe langfristiger Kredite insbesondere zum Bau großer Milchviehbetriebe sind zusätzliche Haushaltsmittel von sechs Milliarden Euro eingeplant. Der Getreideexport soll mit weiteren 0,3 Milliarden Euro gefördert werden.

Auch die Ukraine hat angekündigt, die laufenden Agrarkredite bis zum 1. Juni 2009 zu verlängern, um den Produzenten die Finanzierung der Betriebsmittel für die Frühjahrsbestellung zu erleichtern. Experten hoffen, dass die Krise längst benötigte Strukturreformen in der Ukraine nach sich zieht. So hat sich die Ukraine im Zusammenhang mit der Gewährung des IWF-Kredits verpflichtet, das Moratorium für den Handel mit landwirtschaftlichen Nutzflächen aufzuheben. Da aber die notwendigen Bodenmarkt- und Katastergesetze bisher noch nicht verabschiedet wurden, plant das ukrainische Parlament dennoch das Moratorium bis zum 1. Januar 2012 zu verlängern.
 
Gebremstes Wachstum erwartet

Angesichts der schwierigen Situation der Landwirtschaft in vielen wichtigen Getreideproduktionsländern warnt die Welternährungsorganisation FAO davor, dass aufgrund der Liquiditätsprobleme die Frühjahrsbestellung nicht sichergestellt werden könne und damit im Herbst 2009 möglicherweise mit einer erneuten Knappheit an Getreide auf den Weltmärkten und einer Rückkehr der Versorgungskrisen des vergangenen Jahres in einigen Entwicklungsländern zu rechnen sei.

Kritisch sind die Ankündigungen der russischen Regierung zu bewerten, die Zölle zum Beispiel auf importierte Mähdrescher deutlich zu erhöhen, um die Auswirkungen der Finanzkrise auf die russischen Landtechnikhersteller zu minimieren. Für entsprechende Maßnahmen setzt sich der Russische Verband der Landtechnikhersteller bereits seit mehreren Jahren intensiv ein und nutzt das Argument der Wirtschaftskrise, die von russischen Agrarpolitikern lange Zeit abgelehnte Zollpolitik endlich durchzusetzen.

2009 wird daher für die Agrar- und Ernährungswirtschaft in Osteuropa zu einem Prüfstein, an dem insbesondere weniger effiziente Betriebe scheitern könnten. Die anspruchsvollen Pläne in Bezug auf die Entwicklung der kapitalintensiven Tierproduktion in diesen Ländern werden sich voraussichtlich insbesondere in der Ukraine verzögern. Nach Jahren des überdurchschnittlichen Wachstums der deutschen Exporte sowohl im Bereich Landtechnik und Nahrungsmittelverarbeitungsmaschinen als auch bei Agrarprodukten und Lebensmitteln werden sich die deutschen Unternehmen auf ein gebremstes Wachstum einstellen und strategische Möglichkeiten entwickeln müssen, die Chancen der Krise unternehmerisch zu nutzen, um sich auf den langfristigen Wachstumsmarkt Osteuropa noch besser zu positionieren.

Christoph Gilgen, Gerlinde Sauer
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft