Offener Dialog in schwierigem Umfeld

13. Oktober 2016
9. Deutsch-Russische Gespräche Baden-Baden stärken die Netzwerke für eine deutsch-russische Verständigung
 
Die Eskalation im Syrien-Konflikt droht zu einer weiteren Verhärtung des westlich-russischen Verhältnisses zu führen. In diesem schwierigen Umfeld trafen sich vom 9. bis 13. Oktober 26 Nachwuchsführungskräfte aus Deutschland und Russland zu den 9. Deutsch-Russischen Gesprächen in Baden-Baden, um sich kennenzulernen und über die Perspektiven für eine verstärkte Kooperation zu diskutieren.

Die Deutsch-Russischen Gespräche in Baden-Baden waren 2007 vom Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft initiiert worden und wurden in diesem Jahr zum neunten Mal gemeinsam mit der BMW-Stiftung Herbert Quandt durchgeführt. Das Intensivseminar bietet eine Plattform für den Meinungsaustausch von Nachwuchskräften aus deutschen und russischen Unternehmen und Organisationen zu wirtschaftlichen und politischen Themen im Allgemeinen und in den Beziehungen zwischen Deutschland und Russland im Besonderen. In Anbetracht des derzeit schwierigen bilateralen Verhältnisses boten die verschiedenen Fachvorträge einmal mehr die Gelegenheit, die Sichtweisen des jeweils anderen Landes kennenzulernen und auch kontroverse Positionen zu diskutieren.
 
In den Diskussionsrunden mit Referenten aus beiden Ländern sprachen die Teilnehmer in diesem Jahr unter anderem über Russlands Rolle in den internationalen Beziehungen, die Kooperationsmöglichkeiten von Eurasischer Wirtschaftsunion (EAWU), EU und der chinesischen Initiative für eine „Neue Seidenstraße“, die Medienlandschaft in Deutschland und Russland und die regionale Entwicklung. Die Teilnehmer und viele Referenten des viertägigen Intensivseminars im Palais Biron waren sich darin einig, dass Russland und die EU viele internationale Fragen nur gemeinsam beantworten könnten, auch wenn die Zusammenarbeit derzeit schwierig sei. „Russland ist Teil Europas“, bekräftigte etwa Hans-Peter Hinrichsen, Leiter des Russland-Referats im Auswärtigen Amt, in der Eröffnungsdiskussion. Für die EU sah Hinrichsen derzeit nur den Weg einer „selektiven Zusammenarbeit mit Russland“ auf Feldern gemeinsamen Interesses, etwa im Ukraine- und Syrienkonflikt, im Handel oder in Migrationsfragen und auf mittlere Sicht ein „Nebeneinander von Konfrontation und Kooperation mit Russland.“
 
In der EAWU sieht Alexander Libman, Professor für Sozialwissenschaften und Osteuropa-Studien in München, einen Dialogpartner für die EU, die mit dieser supranationalen Organisation derzeit leichter ins Gespräch kommen könne als mit Russland alleine. Erwartungsgemäß kontrovers verlief die Diskussion zur Rolle staatlicher Medienpolitik und freier Berichterstattung bei der öffentlichen Meinungsbildung, in der die Teilnehmer unter anderem die Frage erörterten, wie unabhängig die Medien in Deutschland seien. Um die regionale Entwicklung und die Rolle von Föderalismus und Zentralismus drehte sich die Diskussion am letzten Tag der Gespräche. Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Michael Harms gab einen Überblick über die regionale Wirtschaftsförderung in Deutschland und Russland und zeigte sich dabei optimistisch hinsichtlich der russischen regionalen Entwicklung: „Grundsätzlich ist die Regionalentwicklung in Russland auf einem guten Weg. Russland wird nur mit starken Regionen erfolgreich sein.“ 
 
Networking „in Nature“ und im Mercedes-Werk Rastatt
 
Flankiert wurden die Diskussionsrunden von einem intensiven Begleitprogramm. Zum Eröffnungsdinner im Kurhaus-Casino in Baden-Baden gab der CDU-Bundestagesabgeordnete Christian Hirte eine sehr persönliche Einschätzung der deutsch-russischen Beziehungen und lobte die deutsche Wirtschaft für ihren fortgesetzten Dialog mit Russland. In einem „Networking in Nature“ hatten die Nachwuchsführungskräfte gemeinsame Aufgaben zu bewältigen, bei denen es auf gute Zusammenarbeit und gegenseitiges Vertrauen ankam. Einen Blick in die automatisierte Arbeitswelt von heute ermöglichte ein Unternehmensbesuch im Mercedes-Werk in Rastatt, in dem rund 1.400 Roboter mit beeindruckender Präzision Karosserieteile zusammensetzen.
 
In drei Workshops diskutierten die Teilnehmer untereinander zudem über die Energiekooperation zwischen EU und EAWU, das chinesische Seidenstraßen-Projekt und über die Abwanderung von Fachleuten aus Russland („Brain Drain“) und was Staat und Unternehmen dagegen tun könnten. Besonders intensiv verlief dabei die Diskussion über die Vor- und Nachteile flexibler Arbeitszeitmodelle, in die die Teilnehmer ihre spezifischen Erfahrungen aus ihren Unternehmen einbrachten.
 
Abschließend diskutierten die Teilnehmer die Organisation der Alumni-Arbeit. Das Alumni-Netzwerk mit rund 200 Mitgliedern ist ein integraler Bestandteil des Gesprächsformats, um dessen Nachhaltigkeit und die Vernetzung ehemaliger Teilnehmer zu gewährleisten. Daran nahm auch der Initiator der Deutsch-Russischen Gespräche, der ehemalige Ost-Ausschuss-Vorsitzende Klaus Mangold teil, der die Teilnehmer anschließend zu einem Abendessen in einem rustikalen Landgasthof einlud und damit seine enge Verbundenheit mit dem Gesprächsformat unterstrich.
 
Es bleibt zu hoffen, dass dieses in Deutschland einmalige Gesprächsformat in Zeiten des eingeschränkten Dialogs zwischen Deutschland und Russland seine Fortsetzung findet.
 
Christian Himmighoffen
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft