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„Gesundheitssicherheit ist europäische Sicherheit“

Das 9. German-East European Health Forum war gut besucht. Foto: GHA/Alec Ullmann
09.10.2026
Wie Gesundheitssysteme krisenfester werden, diskutierten Minister, Unternehmen und Fachleute beim 9. German – East European Health Forum in Berlin

Beim 9. German-East European Health Forum am 9. Oktober in Berlin ging es um krisenfeste Gesundheitssysteme. Auf Einladung des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und der German Health Alliance (GHA), eines Netzwerks der Gesundheitswirtschaft unter dem Dach des BDI, diskutierten Ministerinnen und Minister, Unternehmen und Fachleute über gemeinsame Ansätze zur Stärkung der Gesundheitsinfrastruktur und deren weiterer Digitalisierung. Das Forum fand bei KPMG als offizielles Side Event des World Health Summit statt, des jährlichen internationalen Gesundheitsgipfels in Berlin.

Eröffnet und moderiert wurde das Forum von Martina Unseld, Senior Director International Affairs EMEA bei Siemens Healthineers und Vorsitzende der gemeinsamen Arbeitsgruppe Gesundheitswirtschaft von Ost-Ausschuss und GHA. Der jährliche Osteuropagipfel der Gesundheitswirtschaft fand bereits zum vierten Mal bei KPMG in Berlin statt. Gastgeber Daniel Schmalz, Director Public Sector & Healthcare bei KPMG, knüpfte an sein Grußwort aus dem Vorjahr an, in dem die Resilienz der Gesundheitsversorger im Mittelpunkt gestanden habe, und betonte, dass Resilienz je nach Region und Gefahrenlage unterschiedlich interpretiert werde und individuelle Lösungen benötige. GHA-Vorsitzender Roland Göhde stellte in seinem Grußwort gemeinsame Herausforderungen der Gesundheitssysteme etwa durch die alternde Bevölkerung in den Mittelpunkt.

Lehren aus Pandemie und Krieg

Sascha van Beek, MdB und CDU-Vertreter im Gesundheitsausschuss des Bundestags, bezeichnete in seiner Keynote die Gesundheitskooperation mit den Partnerländern als strategische Priorität. In der Pandemie seien Lieferketten zusammengebrochen, in diese Lage dürfe Europa nicht noch einmal geraten. Als Antwort darauf habe die EU den Zugang zu mehr als 270 Wirkstoffen als kritisch eingestuft. Dieser müsse durch eine Diversifizierung der Lieferketten abgesichert werden. Deutschland unterstützt laut van Beek dieses Ziel. Regulierung sei deshalb wichtig, dürfe aber nicht gleichzeitig in Überregulierung münden. Was Krisenvorsorge bedeute, zeige die Ukraine, wo laut einem Bericht der World Health Organisation (WHO) trotz des Krieges weiterhin ein stabiler Standard der Krankenversorgung erreicht werde. Gesundheitssysteme müssten  auch in anderen Ländern Mittel- und Osteuropas entschlossen auf Krisen vorbereitet werden, so van Beek. Auch Antibiotikaresistenzen seien eine Frage europäischer Sicherheit.

Dass grenzüberschreitende Zusammenarbeit funktioniere, zeige das gemeinsame Beschaffungsabkommen der EU für medizinische Gegenmaßnahmen, dem sich 2020 Nordmazedonien, 2024 Moldau und 2025 die Ukraine angeschlossen hätten. Unterschiedliche nationale Regeln verlängerten dagegen Verfahren und entschieden mit darüber, wann Patientinnen und Patienten behandelt würden. Zudem gehe es darum, Daten in bessere Versorgung zu übersetzen: Dafür müssten sie strukturiert werden. KI könne helfen, entscheidend seien verlässliche Regeln und gemeinsame Standards. Als Beispiel nannte van Beek Armenien, dessen neue allgemeine Krankenversicherung auf einer nationalen digitalen Plattform aufbaue. Sein Appell: „Gesundheitssicherheit ist europäische Sicherheit.“ Nun gelte es, sich auf konkrete Schritte zu verständigen.

Reformen in Georgien, Nordmazedonien und Armenien

Im Ministerpanel unter Moderation von GHA-Geschäftsführerin Lara Petersen stellten drei Minister ihre jeweiligen Reformansätze vor. Mikheil Sarjveladze, georgischer Minister für Binnenflüchtlinge, Arbeit, Gesundheit und Soziales, berichtete, dass rund 95 Prozent der Bevölkerung über die allgemeine Krankenversicherung abgesichert sei. Seit Georgien 2023 die Arzneimittelpreise an internationalen Referenzpreisen ausrichte, seien diese um 40 Prozent gesunken. Im Mittelpunkt stünden nun Qualität, Primärversorgung und Prävention. Deutschland sei dabei ein strategischer Partner, auch für klinische Studien sei Georgien offen.

Nordmazedoniens Gesundheitsminister Sasho Klekovski nannte die alternde Bevölkerung und die Abwanderung von Fachkräften als größte Probleme seines Landes, in dem 5,3 Prozent der Wirtschaftsleistung für Gesundheit ausgegeben werde. Für die Digitalisierung des Gesundheitswesens stünden jetzt mit Unterstützung der EU 15 Millionen Euro bereit. Mit der Charité gebe es ein Ausbildungsprogramm.

Armeniens Gesundheitsministerin Anahit Avanesyan berichtete, dass die 2026 eingeführte allgemeine Krankenversicherung bereits mehr als 60 Prozent der Bevölkerung abdecke. Binnen zwei Jahren würden alle übrigen Gruppen einbezogen. 2027 werde das Gesundheitsbudget rund eine Milliarde Dollar betragen, fünfmal so viel wie vor der Pandemie. Um die Mittel effizient einzusetzen, baue Armenien eine zentrale Datenplattform auf und gleiche seine Regeln an EU-Standards an. Eine neue KI-Fabrik, an der sich auch der Staat beteiligt habe, verfüge über die größte Rechenkapazität im GUS-Raum und eröffne Chancen für die Forschung. Deutsche Unternehmen wie Siemens seien im Land gut vertreten, Armenien wünsche sich aber mehr strategische Partnerschaften.

Gemeinsame Regeln, schnellere Hilfe

Wie regulatorische Angleichung Gesundheitssysteme widerstandsfähiger machen kann, diskutierte das erste Panel unter Moderation von Sonja Bloch (KPMG). Patrick Jeurissen, Professor an der Radboud-Universität Nimwegen, sieht angesichts knapper Haushalte die Aufgabe internationaler Akteure vor allem darin, den Zugang zu Kapital zu sichern, etwa über die Europäische Investitionsbank. Zudem gehe es darum die Produktivität durch KI und Daten zu steigern und den Zugang zu innovativen Arzneimitteln zu gewährleisten. Die Verantwortung für die Gesundheitssysteme bleibe aber weitgehend national.

Christoph Benn, Vorsitzender von HealthAI, einer globalen Agentur für verantwortungsvolle KI im Gesundheitswesen, verwies auf eine Lücke: Für Arzneimittel gebe es klare Zulassungsverfahren, für KI-Anwendungen noch nicht. KI zu regulieren könne kein Land allein, nicht einmal die USA oder China. Europa solle sich gemeinsam mit Südosteuropa und Zentralasien selbstbewusst zwischen dem privatwirtschaftlichen Modell der USA und dem offenen Ansatz Chinas positionieren.

Tatiana Paduraru, Leiterin des Sekretariats des Gesundheitsnetzwerks Südosteuropa (SEEHN), in dem neun Länder seit 25 Jahren zusammenarbeiten, berichtete von ersten Gesprächen über eine gemeinsame Beschaffung. Offen sei noch, welche Zulassung als Nachweis für ein sicheres Produkt gelte. Gute Gesetze gebe es in der Region oft schon, die eigentliche Herausforderung sei die Umsetzung. Statt nur über Krisenvorsorge zu sprechen, brauche es gemeinsame Übungen.

Jan Schneider, CTO der Physiomed Elektromedizin AG, beschrieb die Folgen für die Industrie: Trotz einheitlicher EU-Medizinprodukteverordnung gälten in den 27 Mitgliedstaaten unterschiedliche Zusatzregeln, in Krisen sogar 27 verschiedene Sonderverfahren. Das treffe vor allem kleine und mittlere Hersteller, die die Mehrheit der Branche stellten. Weniger nationale Abweichungen machten den Markt schneller, widerstandsfähiger und günstiger.

Von Daten zur Versorgung

Im zweiten Panel ging es unter Moderation von Verena Kantel (Bayer AG, Vorstandsmitglied der GHA) um die Digitalisierung der Versorgung. Lukas Wrosch von gematik, der Nationalen Agentur für Digitale Medizin, erläuterte den Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS). Die EU-Verordnung soll Bürgerinnen und Bürgern Zugang zu ihren Gesundheitsdaten geben und deren Nutzung über Grenzen hinweg erleichtern. E-Rezepte lassen sich bereits heute zwischen mehreren Mitgliedstaaten wie Kroatien, Polen und Estland einlösen. Eine Schwachstelle sieht Wrosch bei der Nutzung der Daten für die Forschung, weil bislang kein Mechanismus ihre Qualität prüfe.

Oliver Grotius von Detecon, Beratungstochter der Deutschen Telekom, sieht Deutschland bei Digitalisierung im Rückstand und nannte Estland als Vorbild. Unverzichtbar seien eine eindeutige Patientenkennung, wie sie viele osteuropäische Länder bereits hätten, ein gemeinsamer Datenstandard und strukturierte Daten statt eingescannter PDF-Dokumente. Ein aktueller Gesetzentwurf sehe eine solche Kennung nun auch für Deutschland vor, ergänzte Wrosch.

Michael Byczkowski, Head of Healthcare Industry bei SAP, betonte, die Zeit geschlossener Komplettsysteme sei vorbei, die Zukunft gehöre offenen Plattformen. Der Wert, der etwa beim Training von KI-Modellen aus Gesundheitsdaten entstehe, müsse auch zu den Krankenhäusern zurückfließen, die diese Daten erheben. Unverzichtbar sei zudem Souveränität über die Daten und über die KI-Modelle selbst.

Garantien für Gesundheitsinfrastruktur

Wie sich privates Kapital für Gesundheitsinfrastruktur mobilisieren lässt, zeigte Caroline Otonglo von der Multilateralen Investitions-Garantie-Agentur (MIGA) der Weltbankgruppe. Die Weltbankgruppe hat ihre Garantieinstrumente auf einer gemeinsamen Plattform gebündelt, die die MIGA verwaltet. Die MIGA sichert Investoren gegen politische Risiken wie Enteignung, Transferbeschränkungen oder Vertragsbruch durch staatliche Partner ab und ermöglicht Projekten so günstigere und längerfristige Finanzierungen. Als Beispiel nannte Otonglo einen Krankenhauscampus im türkischen Elazığ, der als öffentlich-private Partnerschaft entstanden ist. Dank einer gemeinsam mit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) entwickelten Absicherung erhielt die Projektanleihe ein Rating zwei Stufen über dem Länderrating der Türkei. Otonglo und Guna Lasmane, die die Weltbankgruppe in Berlin gegenüber der Privatwirtschaft vertritt, warben dafür, die Garantien der Weltbankgruppe und deutsche Garantieinstrumente stärker zu verzahnen.

Gesundheitssysteme entstehen nicht im Alleingang und gerade die internationale Zusammenarbeit verspricht große Chancen. Dies machte das 9. German-East European Health Forum einmal mehr deutlich. Gemeinsame Beschaffung, angeglichene Regeln, verlässliche Daten und abgesicherte Investitionen sind Bausteine, bei denen Deutschland und seine Partnerländer voneinander lernen und kooperieren können. Ost-Ausschuss und GHA wollen den Austausch im kommenden Jahr fortsetzen.


Aman Magauin,
Abteilung Presse und Public Affairs im Ost-Ausschuss
 

Kontakt

Dr. Martin Hoffmann
Direktor Strategie und Research
Logistik und Verkehrsinfrastruktur
Gesundheitswirtschaft
Fachkräftesicherung
T. +49 30 206167-126
M.Hoffmann@oa-ev.de

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