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Schnittstelle am "Mittleren Korridor"

Ost-Ausschuss Delegation besucht den Standort seines Mitgliedsunternehmens Gebrüder Weiss nahe Tiflis. Foto: Gebrüder Weiss
03.10.2022
Ost-Ausschuss Delegation besucht Georgien/ Auswirkungen des russischen Kriegs in der Ukraine zwiespältig

Eine zwölfköpfige Wirtschaftsdelegation unter der Leitung von Veridos-Vertriebschef Thomas Morian besuchte vom 3. bis 5. Oktober die georgische Hauptstadt Tiflis. Morian vertrat den Länderkreissprecher Südkaukasus im Ost-Ausschuss, Marc-Julian Siewert (CEO Veridos GmbH). Die Delegation spiegelte die vielfältige Interessenlage der deutschen Wirtschaft in Georgien wider und setzte sich aus Unternehmen aus Agrar- und IT-Sektor, Bildungswesen und Anlagenbau zusammen. Auf dem dichtgedrängten Programm standen Gespräche im Ministerium für Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung, im Außen- und Landwirtschaftsministerium, in der IT-Agentur des Wirtschaftsministeriums, in der Handelskammer und dem Verband der deutschen Wirtschaft in Georgien. Zudem traf die Delegation mit vor Ort engagierten deutschen sowie georgischen Unternehmen zusammen. 

Zum Beginn gab der neue deutsche Botschafter Peter Fischer gemeinsam mit dem Geschäftsführer der Deutschen Wirtschaftsvereinigung Georgien Thomas Kimmeswenger eine Einführung in die gegenwärtige wirtschaftliche und politische Situation. Georgien mit seinen rund 3,7 Millionen Einwohnern verzeichnet ein hohes Wirtschaftswachstum. Für 2021 meldete das Land ein von 10,4 Prozent und übertraf damit bereits wieder das Niveau von vor der Coronapandemie. Die Regierung rechnet für dieses Jahr mit einem Anstieg der Wirtschaftsleistung um rund 15 Prozent. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) ist etwas zurückhaltender und erwartet für 2022 ein Wirtschaftswachstum von acht Prozent. Einen entscheidenden Anteil daran hat der Tourismussektor, dessen Leistung wieder auf Vorkrisenniveau liegt. 

Menschen und Kapital aus Russland

Im Zuge des russischen Kriegs gegen die Ukraine sorgen zudem der starke Zustrom von Flüchtlingen aus Russland und Belarus für steigenden Konsum und den Zufluss von Kapital. Die Experten des German Economic Team rechnen mit rund 300 Millionen Euro, was etwa 1,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes entspricht. Gleichzeit sorgt diese Situation für eine konstant hohe Inflation von knapp zehn Prozent und eine Aufwertung der Landeswährung Lari. Gleichzeitig wird Wohnraum knapper und teuer. Unklar ist, wie lange diese Sondersituation anhalten wird. 

In den Gesprächen mit Wirtschaftsakteuren und Vertretern georgischer Ministerien wurde deutlich, dass es zwar viele positive Effekte für die georgische Wirtschaft gibt. Unverkennbar sind jedoch auch die Bedenken über die mittel- und langfristigen Auswirkungen, etwa darüber wie lange die Immigranten – und damit auch deren Kapital und Kaufkraft – im Land bleiben und wie sich die Preise entwickeln. Gleichzeitig darf nicht vergessen werden, dass Russland mit Südossetien seit 2008 georgisches Territorium besetzt hält. Diese Gemengelage sorgt für Spannungen und Diskussionen im Land. 

Auf dem Weg Richtung Europäische Union

Georgien sieht sich klar auf dem Weg Richtung Europäische Union. Das Land kann den Status eines Beitrittskandidaten erlangen, wenn es insgesamt zwölf Bedingungen erfüllt. Diese sind vorrangig politischer Natur und umfassen konkrete Maßnahmen zur Befriedung des politischen Diskurses aber zur De-Oligarchisierung des Landes. Die Regierung unter Premierminister Ikrali Garibaschvili hat sich vorgenommen, diese Themen bis zum Jahresende 2022 durch gesetzliche Maßnahmen zu adressieren. 

Das Land im Südkaukasus spielt eine zunehmend wichtige Rolle in der Logistik. Der sogenannte „Mittlere Korridor“ verbindet Asien und Westeuropa über den Südlichen Kaukasus und das Schwarze Meer. Im Vergleich zum „Nördlichen Korridor“, der etwa für Zugtransporte aus China nach Westeuropa über Kasachstan, Russland und Belarus genutzt wird, stellen sich auf dieser Route große Herausforderungen. Es müssen mit dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer zwei Gewässer überquert werden. Zudem müssen Züge mehr Ländergrenzen passieren. Dies führt zu längeren Laufzeiten höhere Kosten. Dennoch gewinnt diese Alternativroute an Attraktivität. Um diesen Korridor zu einer attraktiven Transportroute zu entwickeln, müssen aber alle Anrainerstaaten in den Ausbau der physischen, digitalen und Verwaltungsinfrastruktur investieren und dabei gemeinsam und abgestimmt agieren.

Stefan Kägebein
Regionaldirektor Osteuropa

Kontakt

Stefan Kägebein
Regionaldirektor Osteuropa
T. +49 30 206167-113
S.Kaegebein@oa-ev.de

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