Die Ukraine durchleidet den schlimmsten Winter seit Beginn des russischen Angriffskriegs vor vier Jahren. Ständige russische Luftangriffe haben die Strom- und Wärmeversorgung großflächig zerstört. Im Rahmen des traditionellen Ost-Ausschuss-Frühstücks auf der MSC sprachen Wirtschaft und Politik über kurzfristige Hilfen und den mittel- und langfristigen Neuaufbau des ukrainischen Energienetzes.
Seit 1963 wird die Münchner Sicherheitskonferenz MSC als eine der weltweit einflussreichsten Tagungen zum Thema Sicherheit und Verteidigung ausgerichtet. Es ist das erste Mal, dass innerhalb des Sperrkreises und in direkter Nachbarschaft zum Tagungshotel Bayerischer Hof ein „Ukraine Haus“ als fester Veranstaltungsort eingerichtet wurde. Erstmals fand dort auch das traditionelle Ost-Ausschuss-Frühstück am zweiten Tag der MSC statt.
Wie kann man der Ukraine kurzfristig besser helfen, durch diesen Winter zu kommen? Und welche Weichen müssen jetzt bereits gestellt werden, um auf den möglicherweise noch folgenden, sechsten Kriegswinter vorbereitet zu sein? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Rundtisch-Gesprächs, das der Ost-Ausschuss in enger Partnerschaft mit PWC Germany, Siemens Energy und DTEK Group organisierte.
Moderator Christian Bruch, stellvertretender Vorsitzender des Ost-Ausschusses und CEO von Siemens Energy, begrüßte rund 25 Vertreterinnen und Vertreter der deutschen und ukrainischen Wirtschaft, darunter die beiden wichtigsten ukrainischen Energieunternehmen DTEK und Naftogaz. Die Politik war vertreten durch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, den ukrainischen Botschafter in Berlin Oleksij Makejew, seinen deutschen Kollegen in Kyjiw, Heiko Thoms, und den grünen Europa-Parlamentarier Sergej Lagodinsky.
Zu den Ideen, die unter Chatham House Rule diskutiert wurden, gehört etwa die Einrichtung eines oder mehrerer „Energiewarenhäuser“ in unmittelbarer Grenznähe zur Ukraine, um im Bedarfsfall Reparaturen im ukrainischen Energiesystem schneller umsetzen zu können. Geld aus dem internationalen Ukraine Energy Support Fund, der zu über der Hälfte von der Bundesregierung finanziert wird, könnte dafür aktiviert werden.
Ergänzend wurde vorgeschlagen einen Teil der 90 Milliarden Euro, die die EU der Ukraine in den kommenden beiden Jahren zur Verfügung stellen will, in den Ausbau der grenzüberschreitenden Infrastruktur zu investieren und hierbei insbesondere auch die Energieverbindungen auszubauen. Das ukrainische Netz selbst müsse grundlegend umgestaltet werden, darüber war sich die Runde einig: Anstelle von schwer zu sichernden Großkraftwerken sei die dezentrale Energieerzeugung durch Wind-, Solarparks und Biogas-Anlagen und deren Anbindung an dezentrale Batteriespeicher der Schlüssel zu einer größeren Resilienz.
Für die schnelle Hilfe wünscht sich die Ukraine weiterhin die Weitergabe von Technik aus stillgelegten europäischen Anlagen. Dabei sind unter anderem auch Komponenten der zerstörten Nord Stream Pipelines in den Blick geraten. Eine nicht mehr benötigte Nord Stream-Turbine könnte kurzfristig Kraftwerkskapazität etwa in der Stadt Krywyj Rih wieder ans Netz bringen, so die Hoffnung.
In Zeiten, in denen ukrainische Kraftwerke sowjetischer Bauart immer schwerer repariert werden können, weil Ersatzteile knapp werden, steigt zudem die Notwendigkeit von Trainingsangeboten zur Betreuung modernerer, europäischer Technologie. Hier setzt eine neue Energy Training Akademie an, die ein Zusammenschluss deutscher Energieunternehmen unter Federführung von Siemens Energy im Herbst gegründet wurde und jetzt mit Trainings beginnt.
Aktuell besonders hoch ist der Bedarf an Transformatoren, Gaskompressoren und weiterer Kraftwerkstechnik in der Ukraine. Der Ost-Ausschuss hatte bereits Anfang Februar in einem dringenden Aufruf an Mitgliedsunternehmen und Partner um schnelle Technikspenden und weitere Unterstützung gebeten. Die Zahl der Anfragen bei der koordinierenden Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ ist seitdem deutlich gestiegen.
Eine ermutigende Zwischenmeldung übermittelte auch die Berliner Initiative Ukraine2 Power, die derzeit Wärme- und Überlebenskits bestehend aus Campinggaskocher mit Gasflaschen, einem Schlafsack, Wärmepflaster sowie Powerbanks oder Heizdecken an frierende Menschen in der Ukraine verteilt. In den ersten zehn Tagen seit dem Hilfsaufruf des Ost-Ausschusses gingen rund 300.000 Euro auf dem Spendenkonto des Vereins ein – ausreichend für umgerechnet 3750 Wärmekits mit einem Stückpreis von 80 Euro. Die größte Einzelspende in Höhe von 80.000 Euro stammt von einem mittelständischen Unternehmen aus Soltau. Die Frankfurter AKA Bank und der Ost-Ausschuss haben sich jeweils mit vierstelligen Summen an der Spendenaktion beteiligt. Die Aktion wird fortgesetzt: Ukraine2Power will kurzfristig auch Ladestationen zur Sicherung medizinischer Geräte für schwerkranke Patientinnen und Patienten beschaffen.
Andreas Metz,
Leiter Public Affairs
Alena Akulich
Regionaldirektorin Osteuropa
T. +49 30 206167-113
A.Akulich@oa-ev.de
Kontakt Newsletter
