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Grüner Korridor aus Zentralasien nach Europa

Ost-Ausschuss-Regionaldirektor Eduard Kinsbruner (links) moderierte die Runde mit den Vertretern der sechs Botschaften. Foto: A. Metz
12.03.2024
Bei einer Wirtschaftskonferenz in Mainz empfehlen sich die Länder Zentralasiens und Aserbaidschan als enge Partner Deutschlands für die Grüne Transformation

Kritische Rohstoffe in großen Mengen und ein unerschöpfliches Potenzial für Wind-, Wasser- und Sonnenenergie – die fünf Länder Zentralasiens und deren kaspischer Nachbar Aserbaidschan sind ideale Partner der deutschen Wirtschaft für die Klimawende. Dies unterstrichen hochrangige Vertreter aus der Region anlässlich einer Wirtschaftskonferenz am 12. März in Mainz, zu der IHK Rheinhessen, IHK Pfalz, das rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerium und der Ost-Ausschuss gemeinsam eingeladen hatten.

Dass Zentralasien und der Südkaukasus als alternative Märkte zu Russland auf wachsendes Interesse deutscher Unternehmen stoßen, bewies der mit rund 100 Personen voll besetzte Saal in der IHK Rheinhessen am Mainzer Schillerplatz. Zu diesen gehörte auch die rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt, die die Veranstaltung am Nachmittag hochrangig eröffnete. Umgekehrt dokumentierte die Anwesenheit von vier Botschaftern aus Aserbaidschan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan, eines Generalkonsuls aus Kasachstan und des turkmenischen Wirtschaftsattachés, welch hohen Stellenwert diese Länder der Zusammenarbeit mit der deutschen Wirtschaft beimessen. Trotz Dauerstreiks in Deutschland hatten die Exzellenzen den weiten Weg aus Berlin in die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt auf sich genommen.

Strategische Partner für die Diversifizierung der Wirtschaft

Lange Jahre stand die Kaspische Region als Wirtschaftspartner im Schatten Russlands. Der aserbaidschanische Botschafter Nasimi Aghayev, der gemeinsam mit seinen Länderkollegen an einer von Ost-Ausschuss-Regionaldirektor Eduard Kinsbruner moderierten Botschafterrunde teilnahm, sprach sogar von einem gewissen „Fluch der Geographie“. Doch der Krieg Russlands gegen die Ukraine, die EU-Sanktionen und wachsende Schwierigkeiten im Transit durch Russland hat die rohstoffreiche Region aus ihrer Randlage ins Zentrum der Aufmerksamkeit befördert. „Heute versuchen wir unsere Lage in einen Vorteil zu verwandeln“, so Aghayev selbstbewusst. Dazu werde gerade viel in die Infrastruktur investiert.
Mehr als einmal war an diesem Nachmittag von einer „Win-Win-Situation“ und von „unverzichtbaren Handelspartnern“ die Rede. In der Tat: Wer bei wichtigen Rohstoffen für die Energiewende und Produzenten von fossilen und zunehmend grünen Energieträgern diversifizieren und sich aus Abhängigkeiten von Ländern wie Russland und China lösen möchte, kommt an der Region nicht mehr vorbei. „Die Länder haben fast alles, was wir brauchen“, brachte es ein Teilnehmer auf den Punkt.

Skizziert wurde die Vision eines „Grünen Korridors“ aus Stromkabeln, Pipelines und Verkehrsverbindungen. Über diesen könnten eines Tages grüner Strom, grüner Wasserstoff und kritische Rohstoffe als Exportgüter verlässlich von Zentralasien über Aserbaidschan nach Europa geliefert werden. Zu deren effizienter Produktion mit Hilfe von Solar-, Wind-, und Wasserkraftwerken hoffen die Botschafter wiederum auf deutsche Investoren, so wie dies bei einem gigantischen Windpark im kasachischen Aktau am Kaspischen Meer mit dem Projektentwickler Svevind bereits geplant ist. Aber auch die Förderung und Veredelung von Seltenen Erden und weiterer kritischer Rohstoffe für die grüne Energiewende, sowie die Ausbildung von Fachkräften aus Zentralasien in Deutschland könnten im Mittelpunkt gemeinsamer Projekte stehen.

Gemeinsamer Kampf gegen Klimafolgen

Auch zur Bekämpfung der Folgen der Erderwärmung und des Wassermangels hoffen die Länder zudem auf deutsche Technologie. Sinnbild für die klimatischen Veränderungen ist der Aral-See an der Grenze von Kasachstan und Usbekistan, einst der viertgrößte See der Welt, aber inzwischen in großen Teilen verlandet. Dilshod Akhatov, Botschafter Usbekistans in Berlin, erinnerte an Wiederaufforstungsprojekte in der Region und wünscht sich dabei ebenso eine intensivere Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen wie beim Aufbau von hocheffizienten Bewässerungssystemen für die Landwirtschaft.
Aber nicht nur Usbekistan, auch die wasserreichen Hochgebirgsländer Kirgisistan und Tadschikistan mit Bergen über 7000 Metern Höhe suchen Unterstützung beim Umgang mit klimatischen Veränderungen. Sein Land habe von einst 13.000 Gletschern bereits 1000 verloren, erläuterte der tadschikische Botschafter Imomudin Sattorov. Mit deutscher Hilfe wolle Tadschikistan bis 2037 gänzlich klimaneutral wirtschaften. Dank großer Wasserkraftwerke habe grüner Strom bereits einen Anteil von 98 Prozent am Strommarkt des Landes erreicht. Der Bau weiterer großer Wasserkraftwerke und die Steigerung der Energieeffizienz würden es erlauben, in großem Stil grünes Aluminium für den europäischen Markt zu produzieren. Sattorov verwies zudem auf über 800 Lagerstätten im Land mit Seltenen Erden, Kupfer, Wolfram und weiteren kritischen Rohstoffen, die auf Erschließung warteten. Ähnliches berichtet Botschafter Omurbek Tekebaev über sein Land Kirgisistan und ergänzte angesichts der sehr jungen Bevölkerung des Landes seinen Vortrag um Vorschläge zur gemeinsamen Ausbildung von kirgisischen Fachkräften, die Erfahrungen in deutschen Unternehmen sammeln könnten. Einen Impuls soll hier ein Migrationsabkommen geben, dass gerade mit Deutschland ausgehandelt werde.

Offene Türen nach Europa

In der zweiten Diskussionsrunde, die von Elvin Yilmaz, Abteilungsleiterin International der IHK Rheinhessen moderiert wurde, beschrieben Vertreterinnen und Vertreter von Unternehmen ihre praktischen Erfahrungen mit den Märkten. Noch liefen die internationalen Warenströme eher zögerlich aus Richtung Südostasien nach Europa, berichtete Heinrich Kerstgens, Direktor beim Logistikriesen Rhenus. Auf den „Mittleren Korridor“ entfalle für sein Haus aktuell ein bescheidenes Volumen von 70.000 Einheiten jährlich. Über die nördliche Route von China durch Russland seien es zuletzt 1,5 Millionen gewesen. Der neuralgische Punkt sei der Schiffstransport über das Kaspische Meer, das wegen der erforderlichen Umladevorgänge die Kosten erhöhe. Aber mit jedem ausgebauten Hafenterminal und jedem modernisierten Kilometer Straße und Schiene dürften sich die Kosten verringern, ist Kerstgens optimistisch. Zumal auch westliche Entwicklungsbanken die Region entdeckt haben und die Chancen steigen, dass das EU-Programm „Global Gateway“ zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten nach zögerlichem Start endlich ins Rollen kommt.

Aber nicht nur als Transitregion sei der Kaspische Raum interessant, betonte Mirco Nowak, Inhaber der LUNO-Gruppe aus Hamburg. Die Länder der Region gehörten zu einem Einzugsgebiet mit etwa 180 Millionen Einwohnern und bildeten damit selbst einen zunehmend vielversprechenden Markt. Er selbst sei begeistert, wie sich die Länder gerade in den vergangenen Jahren entwickelt hätten. Die Region habe ihre Türen für Europa und speziell Deutschland geöffnet, jetzt brauche es Unternehmen mit etwas Mut und Vertrauen, um durch diese hindurchzugehen. 
Im Anschluss an die Diskussionsrunden hatten die Gäste der Veranstaltung ausgiebig Gelegenheit, mit den Repräsentanten der Länder individuell ins Gespräch zu kommen. Großes Lob gab es für den gemeinsamen Auftritt der sechs Länder, mit dem der Wille der Region zur regionalen Zusammenarbeit eindrucksvoll dokumentiert wurde. Unternehmen aus Rheinland-Pfalz haben vom 11. bis 18. Mai 2024 die Gelegenheit, mit einer Delegation Usbekistan und Kirgisistan kennenzulernen, wie Wirtschaftsministerin Schmitt ankündigte. Der Ost-Ausschuss wird vom 14. bis 16. Mai nach Kasachstan reisen.

Andreas Metz,
Leiter Public Affairs im Ost-Ausschuss

Ansprechpartner

Eduard Kinsbruner
Regionaldirektor Zentralasien
T. +49 30 206167-114
E.Kinsbruner@oa-ev.de

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