Im Februar 2019 fand die dritte Sitzung des OAOEV-Arbeitskreises (AK) Mittelosteuropa mit Schwerpunkt Slowakei und Tschechien statt. Im Fokus der Sitzung stand der Übergang beider Länder zu einer innovationsbasierten Wirtschaft.
Aufgrund ihrer zunehmenden Innovationskraft verlieren die beiden mittelosteuropäischen Volkswirtschaften zunehmend ihren Ruf als verlängerter Werkbank. Der deutsche Autobauer BMW hat beispielsweise die Eröffnung einer Teststrecke für autonomes Fahren in Tschechien angekündigt. Und in der Slowakei wurde die Ecocapsule - ein nachhaltiges Mikro-Haus - entwickelt. Innerhalb von zehn Jahren stieg die Zahl der Patentanmeldungen der tschechoslowakischen Nachfolgestaaten beim Europäischen Patentamt stark an und belief sich 2017 etwa für Tschechien auf 359. Die Zeiten des deutschen technologischen Vorsprungs seien vorbei, lautete dann auch der Tenor der Referenten beim AK Mittelosteuropa. Beide Länder seien zu Wirtschaftspartnern auf Augenhöhe avanciert.
Die Entwicklung zur innovationsbasierten Wirtschaft wird von den Regierungen aktiv unterstützt. In Tschechien stellte Premierminister Andrej Babiš im Februar die Czech Innovation Strategy 2030 vor und untermauerte dabei die Ambitionen seines Landes, zu den innovativsten Wirtschaftsstandorten in Europa aufzusteigen.
Beide Länder feiern am 1. Mai 2019 ihre 15-jähriges Jubiläum als EU-Mitglieder, und die Slowakei gehört inzwischen seit zehn Jahren der Eurozone an. Die Integration in die EU hat den Ländern einen starken und anhaltenden Wachstumsschub verliehen. Sie werden auch 2019 zu den Wachstumsmotoren in der EU zählen. Die Europäische Kommission prognostiziert im Jahr 2019 ein Wachstum von 2,9 Prozent für Tschechien und 4,1 Prozent für die Slowakei - deutlich über dem EU-Durchschnitt von 1.5 Prozent. Die slowakische Volkswirtschaft wird voraussichtlich das stärkste Wachstum innerhalb der Visegrad-Gruppe verzeichnen.
Beide Länder sind innerhalb kürzester Zeit zu wichtigen Wirtschaftspartnern für die Bundesrepublik avanciert. Der konjunkturelle Boom in beiden Ländern wirkt sich positiv auf den Handel mit Deutschland aus. Im vergangenen Jahr belief sich der Warenaustausch mit der Slowakei auf 28,5 Milliarden Euro, was einem Zuwachs von zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht, und mit Tschechien auf 92,2 Milliarden Euro - ein Plus von 5,2 Prozent gegen 2017. Tschechien gehört zu den zehn größten deutschen Handelspartnern. Der bilaterale Warenaustausch nähert sich kontinuierlich der 100- Milliarden-Euro-Marke an und wird diese wohl im Lauf der kommenden beiden Jahre erreichen.
Zu den unternehmerischen Herausforderungen, mit denen sich die AK-Teilnehmer beschäftigten, zählte neben Sondersteuern in einzelnen Ländern insbesondere der Fachkräftemangel, der teilweise dazu führt, dass Unternehmen Aufträge nicht realisieren können. Dies stellt einerseits ein großes Hindernis für Unternehmen dar, fördert allerdings gleichzeitig den Druck, in die Automatisierung zu investieren. Die Slowakei und Tschechien sind mit Blick auf die Dichte der Industrieroboter pro 10.000 Einwohner in Mittelosteuropa führend.
Beide Länder schaffen es sogar im globalen Vergleich in die Top-20 des von der International Robotics Federation erstellten Rankings. Anhand der Roboterdichte lässt sich der Automatisierungsgrad in der Industrieproduktion einzelner Ländern vergleichen. Mit 135 Einheiten pro 10.000 Einwohnern übertrifft die Slowakei sogar die Schweiz und belegt weltweit den 17. Platz. Tschechien kommt mit 101 Einheiten auf Platz 20. In beiden Ländern stammt die Nachfrage nach Industrierobotern aus der Automobilbranche, die dort stark vertreten ist. Die Länder übertreffen somit die „durchschnittliche Roboterdichte“ auf der Welt (74 Einheiten) und in Europa (99) und scheinen bestens für den Übergang zur Industrie 4.0 gerüstet zu sein.
Adrian Stadnicki
Regionaldirektor Mittelosteuropa im OAOEV
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