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Neuer Rekord im Osthandel - Halbe Billion geknackt

Container, Foto: Pixabay
10.02.2022
Unternehmen machen angesichts der Corona-Krise eine fantastische Arbeit, die politische Krisenlage gefährdet aber den weiteren Aufschwung / Polen baut führende Rolle in der Region weiter aus/ Hohe Zuwächse auch im Handel mit Russland und der Ukraine

Mit kräftigen Zuwächsen von fast 20 Prozent bei Export und Import markierte der deutsche Osthandel im Jahr 2021 ein neues Allzeithoch: Erstmals übertraf dabei der Gesamtumsatz die Marke von einer halben Billion Euro. „Die deutschen Unternehmen und ihre Partner in der Region machen angesichts der weiterhin bestehenden Corona-Beschränkungen einen fantastischen Job“, kommentiert der Vorsitzende des Ost-Ausschusses Oliver Hermes die Rekordzahlen. „Wir alle profitieren von einem engmaschigen Netz an Geschäftsverbindungen und Lieferbeziehungen mit unseren östlichen EU-Nachbarn, aber auch mit wichtigen Partnerländern wie Russland, der Ukraine und Kasachstan. Dass die Früchte dieser Arbeit nun durch ungelöste politische Konflikte erneut aufs Spiel gesetzt werden, ist völlig unverantwortlich“, so Hermes. „Wir brauchen keine Kriegsplanungen und protektionistische Maßnahmen, sondern neue Perspektiven für die Intensivierung unserer Zusammenarbeit.“

Osthandel lässt Corona-Krise hinter sich

Nach den durch den Ost-Ausschuss ausgewerteten Zahlen des Statistischen Bundesamtes exportierten deutsche Unternehmen 2021 Waren im Gesamtwert von 254 Milliarden Euro in die Region des Ost-Ausschusses, die aus 29 Ländern besteht - ein Zuwachs von 18,3 Prozent gegenüber 2020. Importiert wurden gleichzeitig Güter im Wert von 248 Milliarden Euro (+19,1 Prozent). Der deutsche Handel mit den 29 Ländern des Ost-Ausschusses erreichte damit 2021 erstmals ein Gesamtvolumen von 502 Milliarden Euro. Dies waren 80 Milliarden Euro mehr als 2020 und immerhin 40 Milliarden Euro mehr als im bisherigen Rekordjahr 2019 vor Corona. Der Osthandel entwickelte sich damit dynamischer als der gesamte deutsche Außenhandel und steigerte seinen Anteil 2021 von 19 auf 19,5 Prozent. Deutsche Unternehmen haben mittlerweile über 145 Milliarden Euro in den 29 Ländern der Region investiert und dort rund zwei Millionen Arbeitsplätze geschaffen. Diese Investitionen sichern wiederum hunderttausende Jobs in Deutschland. 

Polen ist mit weitem Abstand wichtigster deutsche Handelspartner in der Ost Ausschuss-Region. Der bilaterale Warenaustausch legte 2021 um 23 Milliarden Euro auf nun 145,6 Milliarden Euro zu (+19 Prozent). „Polen füllt die Lücke, die der EU-Austritt Großbritanniens gerissen hat. Das Land ist nach China, den Niederlanden, den USA und Frankreich unser fünftwichtigster Auslandsmarkt und damit längst ein Grundpfeiler der deutschen Außenwirtschaft“, so Hermes.

Unter den Ost-Ausschuss-Ländern folgt Tschechien, das im Sommer die EU Ratspräsidentschaft übernimmt, an zweiter Stelle. Hier lag das bilaterale Handelsvolumen 2021 mit 97 Milliarden Euro (+16,7 Prozent) nur noch knapp unter der 100-Milliarden-Marke. „Tschechien hat mit seinen knapp elf Millionen Einwohnern eine unglaubliche Erfolgsgeschichte geschrieben und ist vielleicht der größte Hidden-Champion unter den Ost-Ausschuss-Ländern.“ Wieder an die dritte Stelle im Osthandel hat sich Russland vorgeschoben und damit Ungarn knapp auf den vierten Platz verwiesen. „Das Handelsvolumen mit Russland sprang im abgelaufenen Jahr um über 34 Prozent auf nun knapp 60 Milliarden Euro nach oben. Hier machen sich die zuletzt deutlich gestiegenen Energiepreise bemerkbar. Erfreulich ist, dass umgekehrt auch die russische Nachfrage nach deutschen Gütern um 15 Prozent gestiegen ist“, betont Hermes. Bemerkenswert entwickelte sich 2021 auch der deutsche Handel mit der Ukraine. „Mit einem Volumen von 8,5 Milliarden Euro hat auch der deutsch-ukrainische Handel 2021 einen neuen Rekord aufgestellt“, freut sich Hermes. Erneut wuchsen dabei die Importe Deutschlands aus der Ukraine mit 23 Prozent kräftiger als die deutschen Exporte (+17,3 Prozent). Dies beweise, dass immer mehr ukrainische Unternehmen auf dem EU-Markt konkurrenzfähig seien.

In Südosteuropa bleiben die EU-Länder Rumänien, Slowenien und Bulgarien die traditionellen Schwergewichte unter den Handelspartnern. Besonders hervor stechen aus der Bilanz 2021 die starken Handelsergebnisse mit Serbien (+25 Prozent) und Kosovo (+41 Prozent). In Zentralasien festigte Kasachstan seine Position als wichtigster deutscher Handelspartner. Höhere Ausgaben für Rohstoffe ließ den Wert der deutschen Importe aus Kasachstan um über 52 Prozent in die Höhe schnellen.

Positiver Trend wird durch politische Spannungen gefährdet

Trotz der guten Bilanz 2021 trübt sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft zunehmend ein. „Wir haben es in den vergangenen Monaten mit einer riesigen, gemeinsamen Anstrengung geschafft, die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise zu begrenzen. Viele neue Investitionen, gerade in klimafreundliche Technologien und Produktionen stehen an. Der Trend ist absolut positiv. Dieser Erfolg darf jetzt nicht durch politische Konflikte, neue Sanktionsspiralen oder gar militärische Abenteuer gefährdet werden“, unterstreicht der Ost-Ausschuss-Vorsitzende. „Ein heißer Konflikt zwischen Russland und der NATO würde neben dem furchtbaren menschlichen Leid unseren ganzen Kontinent und mit ihm die europäische Wirtschaft um Jahrzehnte zurückwerfen. Das Virus der Unsicherheit wirkt bereits negativ auf die Märkte ein. Investitionen werden in Frage gestellt, Aktien- und Währungskurse geben nach, wirtschaftliche Chancen bleiben ungenutzt und Energiepreise explodieren.“ 

Umso wichtiger sei, dass sich die neue Bundesregierung und der französische Präsident nun mit voller Kraft in die internationale Krisendiplomatie eingeschaltet haben. Vom Antrittsbesuch von Bundeskanzler Olaf Scholz in Kiew und Moskau erhofft sich die Wirtschaft eine Perspektive über das reine Ad-hoc-Krisenmanagement hinaus. „Es war sehr klug, dass die Bundesaußenministerin auf Ihren Reisen nach Kiew und Moskau bereits über eine Intensivierung der wirtschaftlichen Kooperationen gesprochen hat. Eine nachhaltige Deeskalation der Lage ist nur durch ernsthafte Angebote zu Zusammenarbeit und Abrüstung zu erreichen“, so Hermes.

Nicht zuletzt das Thema Energie verbinde Deutschland, Russland und die Ukraine seit über 50 Jahren miteinander. „Wir sollten in einem Gesprächsprozess alle Probleme auf den Tisch legen und Konflikte klären und aus der bereits bestehenden trilateralen Energiezusammenarbeit eine Energie- und Klimapartnerschaft machen. Deutschland hat sich verpflichtet, einen neuen Gastransitvertrag zwischen Russland und der Ukraine zu vermitteln. Sowohl Russland als auch die Ukraine müssen zudem eine wichtige Rolle bei der europäischen Energiewende und der Umstellung auf Wasserstoff spielen. Und beide Länder werden Hauptbetroffene eines europäischen CO2-Grenzausgleichsmechanismusses werden. Es gibt also große Aufgaben, die wir nur gemeinsam bewältigen können.“

Hermes erinnert in diesem Zusammenhang an den mühsamen, aber letztlich erfolgreichen KSZE-Prozess der 1970er Jahre: „Neben Sicherheitsfragen war eine engere Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Umwelt ein wichtiger Teil des Helsinki-Prozesses. Man hat damals geschaut, wo gemeinsame Interessen bestehen und wie sich darüber neues Vertrauen aufbauen lässt. Wir plädieren daher für ein Helsinki 2.0 in Form einer neuen ständigen Konferenz für Sicherheit und Klimazusammenarbeit in Europa.“

Ansprechpartner

Andreas Metz
Leiter Public Affairs
Tel.: 030 206167-120
A.Metz@oa-ev.de

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